Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 130
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Das Auge des Riesen ist also der Bezugspunkt, auf den die Aktion in-
nerhalb der Komposition sich richtet. Eigentümlicherweise kommt das
im Relief von Catania nicht heraus. Der Riese liegt hier mit nach hinten
gesunkenem Kopf so schräg auf seinem Felsenbett, daß der Pfahl über
ihn hinweggehen müßte. Deswegen packt Odysseus ihn bei den Haaren,
offenbar in der Absicht, ihm den Kopf hochzureißen, damit das Auge in
die Stoßrichtung des Pfahles kommt. Etwas Ähnliches ist bei der plasti-
schen Gruppe nicht möglich, denn der Riese ist viel zu groß. Odysseus
kann von seinem festgelegten Platz aus den Kopf des Riesen mit der lin-
ken Hand schwerlich erreichen, und dieser ist auch viel zu massig, als daß
er ihn mit einer Hand hochreißen könnte. Der Reliefsteinmetz der Sar-
kophagnebenseite von Catania hat den Riesen im Verhältnis zu den
Menschenfiguren gegenüber der plastischen Gruppe um mehr als ein
Drittel verkleinert, er ist im Relief also nicht wie in der Gruppe doppelt
so groß wie die Menschen, sondern nur um ein Viertel größer als diese.
Die Abweichung von dem auf jeden Fall andersartigen Motiv in der pla-
stischen Gruppe bleibt gleichwohl seltsam.

Eine besondere Schwierigkeit, für die es bisher keine befriedigende
Lösung gibt, ist noch die folgende. Die Halsnickermuskeln am Kopffrag-
ment Polyphems in Sperlonga sprechen eindeutig dagegen, daß der Kopf
des Riesen, wie Roland Hampe in seiner Rekonstruktion vorschlägt154,
nach vorn geneigt war. Der Kopf muß mehr oder weniger in der gleichen
Schräge wie der Oberkörper gelegen haben. Wie das künstlerisch und
anatomisch mit den gegebenen Fragmenten zu lösen ist, konnte bisher
nicht wirklich befriedigend geklärt werden.

Bei zwei verwandten Skulpturen, und zwar beim sogenannten Barbe-
rinischen Faun in München155 und beim Laokoon im Vatikan156, haben
die Bildhauer allerdings so gewaltsame, barocke Bewegungen der Hais-
und Schultermuskulatur gestaltet, daß man nicht leicht von selbst auf
derartige Motive gekommen wäre und ein solches Hochschieben der
Schulter, zwischen der zum Hals hin eine tiefe, kantig ausgearbeitete
Schlucht entsteht, oder eine solche zum Bersten gespannte Muskulatur
darzustellen gewagt hätte. Auf jeden Fall sei zugegeben, daß in bezug
auf die Haltung von Oberkörper und Kopf des Riesen der Rekonstruk-
tionsversuch noch Verbesserungen zuläßt. Diese können allerdings nur
intuitive Lösungen sein, denn die einer rekonstruierenden Logik zu-
gänglichen Lösungen wurden in vielen Versuchen erprobt. Ein besser
befriedigendes Ergebnis wurde dabei nicht erzielt. Zwei von anderen
gemachte Versuche waren ebensowenig erfolgreich. Der eine ist nur
zeichnerisch und setzt sich souverän über die plastischen Gegebenheiten
der Fragmente hinweg157.

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