Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 131
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Den anderen Versuch hat unter Anleitung von Baldo Conticello der
sensible und befähigte Bildhauer Vittorio Moriello158 unternommen,
dem auch entscheidende Entdeckungen bei der Rekonstruktion der
Skylla-Gruppe verdankt werden. Dieser Versuch ist, was die anatomi-
sche Wahrscheinlichkeit angeht, durchaus überzeugend. Aber er bietet
keine einsichtige Möglichkeit, den Polyphem in eine sinnvolle Gruppen-
aktion zu integrieren. Wenn man den Pfahl, den die Gefährten mit Auf-
bietung aller Kräfte heranschleppen und den Odysseus hinter der glü-
henden Spitze umgreift und lenkt, nach den eindeutigen Kriterien der
Fragmente in Sperlonga in gerader Linie ergänzt — und etwas anderes ist
nicht vorstellbar —, dann kann er bei der Rekonstruktion von Vittorio
Moriello das Auge des Riesen nicht treffen. Moriello hat deshalb die Er-
gänzung der ganzen Gruppe, die mit einer von uns zur Verfügung ge-
stellten zweiten Serie von Abgüssen erfolgt ist, offen lassen müssen.

Es'geht hier, wie man leicht verstehen wird, nicht um Kritik oder gar
Polemik. Diese beiden nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgten Re-
konstruktionsversuche haben das Ziel, sich gegenseitig zu ergänzen und
dabei die Schwierigkeiten des ganzen Problems anschaulich zu machen.

Im Verlauf dieser Arbeiten wurde jedenfalls klar, daß es eine einfa-
che, unbezweifelbare Lösung des Rekonstruktionsproblems, besonders
was die Haltung von Kopf und Oberkörper des Riesen angeht, nicht gab.
Vor allem schien auf dem Wege einer isolierten Ergänzung der einzelnen
Figuren und insbesondere des Polyphem, der dann als Ganzes in die
Gruppe hätte integriert werden können, kein Weiterkommen möglich.
Die Richtung des Pfahles läßt sich nämlich aufgrund eindeutiger Indi-
zien so genau festlegen, daß hier nur ganz geringe Abweichungen mög-
lich sind. Da es bis zum Beweis des Gegenteils als Voraussetzung für eine
gelungene Rekonstruktion gelten muß, daß anschaulich wird, wie der
Pfahl das Auge trifft, muß man eher mit einer gewaltsamen künstleri-
schen Lösung im Sinne einer eben noch vertretbaren anatomischen Ex-
tremlage rechnen als mit einer anatomisch glatten, kompositioneil aber
unbefriedigenden Lösung.

Unser Rekonstruktionsversuch ging deshalb von der Stellung der
beiden Gefährten und von der Richtung des Pfahles aus, den sie halten.
Diese Stellung läßt sich dank des Erhaltungszustandes der Figuren ein-
deutig fixieren und durch eine Reihe von Beobachtungen am Aufstel-
lungsort der Gruppe genau kontrollieren und bestätigen. Diese Beob-
achtungen wurden allerdings erst möglich, nachdem die Rekonstruktion
der Gruppe bereits ziemlich weit fortgeschritten war. Da sich hier wieder
zeigt, daß man auf viele wichtige Beobachtungen erst im Verlauf eines
Rekonstruktionsversuches stoßen kann, sei der bei der Rekonstruktion

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