Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 144
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Man kann daher die Wirkung der Gruppe in ihrer räumlichen Entfaltung
nur in Detailaufnahmen aus den wesentlichen, durch die Ausgestaltung
der Grotte bestimmten Blickpunkten und durch Weitwinkelaufnahmen
wiederzugeben versuchen, die der Betrachter in Gedanken zu entzerren
sich bemühen muß.

Dieses vorausgeschickt, kann nun der Versuch gemacht werden,
durch eine Interpretation des Grundrisses und der Ausstattung der Tibe-
rius-Grotte von Sperlonga die Regieabsicht der gestaltenden Künstler
zu eruieren. Die Höhle lag als ganze wie ein zu einem Panoramabild er-
starrtes Naturtheater vor den Blicken der Tafelnden auf der Trikliniums-
insel. Von hier aus konnte man die in einer realen Entfernung von rund
vierzig Metern aufgestellte Polyphem-Gruppe im Hintergrund der
Höhle nur im Umriß erkennen. Die Feinheiten der Arbeit und der Kom-
positionsabsichten lassen sich nur erfassen, wenn man nahe an die
Gruppe herantritt.

Man muß sich nun klarmachen, daß es nicht möglich ist, sich der
Gruppe in der Achse ihrer Hauptansicht zu nähern, es sei denn, man
wollte durch das runde Becken auf sie zuwaten. Der Betrachter wird also
durch die Regieanweisung der Künstler, welche die Aufstellung der Po-
lyphem-Gruppe besorgten, dazu gezwungen, in einem seitlich auswei-
chenden Bogen auf die im Hintergrund als Blickpunkt aufgebaute
Gruppe zuzuschreiten.

Geht man auf der Meerseite um das Becken herum, so sieht man die
Gruppe zuerst über die Schultern des mit dem leeren Weinschlauch da-
vonstürzenden Gefährten. Geht man auf der Landseite um das Becken
herum, so sieht man diese großartige, mit stockendem Atem davonstie-
bende Gestalt in voller Breitenentfaltung. In der Tat sind diese beiden
Blickwinkel besonders eindrucksvolle Ansichten der erstaunlichen Fi-
gur, und bevor man wußte, daß die Polyphem-Gruppe von Sperlonga
nicht schlechthin zu den sogenannten einansichtigen Gruppen der spät-
hellenistischen Kunst zu rechnen ist, gab es einen erbitterten wissen-
schaftlichen Streit163 darüber, ob die Ansicht dieser Figur von der
Flanke oder von der Front her ihre Hauptansicht sei. Nun stellt sich her-
aus, daß beide Ansichten gleichwertig sind, daß es aber noch weitere und
darunter wenigstens eine besonders bedeutungsvolle Ansicht dieser Fi-
gur gibt, nämlich diejenige, in der sie mit dem Kopf im Profil und mit
zum Polyphem zurückgewandten Gesicht auf den Betrachter, der mitten
vor der Gruppe steht, zuzustürzen scheint.

Die drei genannten Ansichten dieser Figur sind durch die latente Re-
gieanweisung hervorgehoben, die in der besonderen Form der Aufstel-
lung enthalten ist.

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