Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 148
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chischen Vasen, vor allem mit der Scherbe von Argos164 überein. Gewiß
gibt es dort noch nicht solche Subtilitäten wie das Durchschimmern der
vorhergehenden Phase in der gegenwärtig vor Augen geführten. Aber
das Grundschema, das man unter Berufung auf den Odysseus-Text auch
ganz anders hätte gestalten können, ist doch erstaunlich ähnlich. Das
aber, was die Neuartigkeit der Komposition von Sperlonga am auffällig-
sten bestimmt, ist die Hinzufügung des Weinschlauchträgers. Die neue
Dimension, die dadurch in die Gruppe hineinkommt, ist die Zeit.

Im Gegensatz zur archaischen Komposition der Amphora von Eleu-
sis, wo der Riese noch sitzt und den Becher noch hält, obwohl er schon
geblendet wird, vollzieht sich in Sperlonga alles, was in der Polyphem-
Gruppe dargestellt ist, in dem für die Darstellung ausgewählten Augen-
blick. Woran liegt es, daß dieser Augenblick nicht so wirkt wie die in
einer Blitzlichtaufnahme geronnene Durchgangsphase einer filmisch ab-
laufenden Bewegung, sondern daß er das ganze Geschehen in dem für
die Vorstellung gewählten Augenblick verdichtet? Die Antwort auf
diese Frage hat G. E. Lessing in seinem berühmten Essay über den Lao-
koon oder über die Grenzen der Malerei und der Poesie, das heißt über
den Unterschied zwischen der Darstellung eines Themas in der Literatur
und in der Bildenden Kunst, vorweggenommen. Er erklärt, da »der
Künstler von der immer veränderlichen Natur nie mehr als einen einzi-
gen Augenblick brauche«, daß dann, »wenn sein Werk gemacht, nicht
bloß erblickt, sondern betrachtet zu werden«, gewiß sei, »daß jener ein-
zige Augenblick... nicht fruchtbar genug gewählt werden kann. Dasje-
nige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel
läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Je
mehr wir dazudenken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben.«

Es war also die Wahl des fruchtbaren Augenblicks, wie die Schöpfer
der Laokoon-Gruppe ihn für ihr Thema gefunden hatten, welche auch
die Polyphem-Gruppe von Sperlonga zu einem Werk macht, »nicht bloß
erblickt, sondern betrachtet zu werden«. Man kann im einzelnen zeigen,
wie der Schöpfer dieser Gruppe die Phantasie des Betrachters anregt,
vor dem inneren Auge Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit
Handlung zu erfüllen, wenn er nur gewillt ist, die Gruppe ausgiebig zu
betrachten, sie zu umschreiten und vom Ganzen auch zum Einzelnen
vorzudringen, um dann wieder die Gesamtgruppe mit den Augen zu um-
greifen.

Die ganze Gruppenkomposition ist in überaus kunstvoller Weise
trotz des unerhörten Realismus des grausigen Geschehens in eine gera-
dezu mit Zirkel und Lineal nachzuzeichnende, geometrisch konstruierte
Konfiguration gebracht. Diese ist nicht etwa das Ergebnis einer willent-

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