Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 153
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lungsregie nicht nur, sondern sie veranlaßt den Besucher geradezu, auch
über die Rampe am rechten Rand auf die Terrasse hinaufzusteigen und
ganz nah selbst an den hochaufgestellten Odysseus heranzutreten und
ihm ins Antlitz zu sehen.

In diesem Kopf ist dem Bildhauer die eindrucksvollste Darstellung
der Odysseus-Gestalt gelungen, die wir kennen. In das wirre, verwil-
derte Haar ist eine Filzkappe gedrückt, die konische, oben abgerundete
Schiffermütze, die die Griechen Pilos nannten. Ursprünglich war sie das
Unterfutter für den kegelförmigen Helm homerischer Zeit, der eine
ähnliche Gestalt hatte. Das erinnert daran, daß Odysseus zum Urbild des
Seefahrers nicht etwa als Kaufmann, sondern als Krieger wurde. Darge-
stellt ist er hier in der entscheidenden Tat, die ihm die Feindschaft des
Poseidon zuziehen sollte. Daß diese Rettungstat ein Schlüsselerlebnis
für das Verständnis der vom Dichter für seine Zeit so neuartig konzipier-
ten Persönlichkeit des Odysseus ist, wurde zu Anfang dieses Buches
auseinandergesetzt. Das muß auch der Schöpfer des Menschenbildes
empfunden haben, das dem Betrachter in dem gewaltigen Haupt des
Odysseus von Sperlonga vor Augen gestellt wird. Es ist die spezifische
Abwandlung eines Typus, der zum ersten Male in den Giganten des Per-
gamonaltares165 zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. Gestalt gewann.

Erst das Zusammenwirken genauer anatomischer Detailbeobach-
tung, welche die weiche, von Falten zerfurchte und zerknitterte Haut des
alternden Mannes und die aufgewühlten, strähnigen Haare naturali-
stisch nachzuahmen versteht, mit einem alle Formen pathetisch über-
steigernden Expressionismus ermöglicht diese charakteristische, aber
kunstgeschichtlich nicht leicht zu bestimmende Gestaltungsweise.

Das expressive Element, das auch die psychologische Situation zu er-
fassen sucht, liegt hier in der Bildung der übergroßen Augen und in der
Formung der in atemloser Spannung offenstehenden Lippen. Kühnheit,
Entsetzen, verzehrende Intensität mischen sich in diesem Gesicht. Der
Schädel scheint wie aus einer plastischen Masse geformt. Das Dach der
Stirn schiebt sich mit extrem durchgearbeiteten Brauenbögen über die
tief in den Höhlen liegenden Augen, die unnatürlich geweitet sind. Der
obere Lidrand ist beim rechten Auge steiler nach oben gerundet als beim
linken, und auch die unteren Lidränder sind asymmetrisch gebildet, ver-
laufen aber eher waagerecht. Diese expressive Steigerung einer natürli-
chen Augenbildung ist die einzige auffällige künstlerische Freiheit ge-
genüber dem Naturvorbild, die sich der Schöpfer dieses Kopfes erlaubt
hat. Weniger auffällig, aber ebenfalls kunstvoll ausgebildet sind auch die
vollen Lippen, bei denen man eher von einer absichtlichen Stilisierung
im Sinn des Klassischen als von einer Nachahmung des Naturvorbildes

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