Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 154
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sprechen möchte. Auch die Haare, die bei oberflächlicher Betrachtung
so natürlich wild wirken, erweisen sich bei genauerem Hinschauen als
eine mit Ausdrucksgehalt aufgeladene Stilform.

Man hat angesichts der Stilformen des Pergamonaltares von einem
»schöpferischen Weiterphantasieren über die Natur hinaus«166 gespro-
chen. Das trifft mit einer bestimmten und noch genauer zu beschreiben-
den Veränderung auch auf die Formen der Polyphem-Gruppe von Sper-
longa zu, die ohne die Vorform des Pergamonaltares undenkbar sind,
diese aber in spezifischer Weise weiterführen. Die das Haupt wie Flam-
men umzüngelnden Haare, die nach den Seiten auseinanderschlagen
und die in kurzen eingerollten Flocken übereinanderdrängenden Bart-
haare sind weicher als die schlangenartig die Gigantenhäupter des Per-
gamonaltares umwindenden, von Bohrrillen durchfurchten Strähnen.

Diese Weichheit aller Formen beobachtet man auch bei einer ande-
ren, seit jeher mit den Giganten des Pergamonaltares verglichenen und
doch immer wieder von ihnen abgesetzten Skulptur, nämlich der be-
rühmten Laokoon-Gruppe im Vatikanischen Museum. Zuletzt hat noch
Werner Fuchs in seinem Standardwerk über die Skulptur der Grie-
chen167 alle Versuche, dieses Werk in das 2. Jahrhundert, ja sogar vor
den großen Gigantenfries von Pergamon zu datieren, zurückgewiesen:
»Daß dies nicht möglich ist, kann der Vergleich des Laokoon-Kopfes mit
dem des Athena-Gegners Alkyoneus vom Ostfries des Pergamonaltares
zeigen. Während beim Alkyoneus der Ausdruck des Schmerzes in der
Substanz des Antlitzes verankert, gleichsam Wesenszug der Form ge-
worden ist, ohne aber die feste Struktur des Kopfes aufzulösen, besteht
der Kopf des Laokoon nur noch aus einer von außen aufgelegten Haut
mit aufgetragenen Zuckungen, Höhlungen, Verzerrungen und wird so
zur impressionistischen Schmerz-Grimasse, die keinen plastischen Kern
mehr besitzt. Wieviel Distanz zwischen diesen Werken besteht, kann je-
der Detailvergleich beweisen. Der Laokoon bleibt so das letzte bedeu-
tende Werk der griechischen Kunst in römischer Zeit (um 50 v. Chr.),
ein griechisches noch, aber doch das letzte.«

Seit der Entdeckung der Skulpturen von Sperlonga steht die Lao-
koon-Gruppe nicht mehr allein wie ein erratischer Block in der römi-
schen Kunst, sei es der spätrepublikanischen oder sei es der frühkaiser-
zeitlichen Epoche. Vielmehr erweisen sich die vier in der Tiberius-
Grotte gefundenen großplastischen Marmorgruppen durch technische
Details und durch ein gemeinsames ikonologisches Programm als Er-
zeugnisse des gleichen Bildhauerateliers und sind auch durch den einen
oder anderen Zug der Meißeltechnik und Oberflächenbearbeitung mit
der Laokoon-Gruppe verbunden.

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