Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 157
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Haaransatz sichtbar wird, mit dem zur Anstückung vorbereiteten Kopf
des Schiffers zu verbinden.172

Auf dem Deck des Schiffes ist noch Platz für mindestens eine weitere
Figur, und auch das Fragment eines in Ausfallstellung wiedergegebenen
Oberschenkelpaares mit charakteristisch geschlitztem Chitonrand173,
das unter den noch nicht sicher zugewiesenen Marmorsplittern lag, läßt
darauf schließen, daß auf dem Deck Odysseus dargestellt war, wie er
trotz Kirkes Warnung das Untier mit geschwungenem Speer angreift. So
zeigen ihn auch die Kontorniat-Medaillons. Vom Unterkörper der
Skylla sind die Fragmente von Hundeköpfen löwenartigen Aussehens
und zwei lange, in die Luft schlagende Fischschwänze erhalten. Aus die-
sen Resten geht hervor, daß Skylla hier ähnlich gebildet war wie die in
den Maßen allerdings wesentlich kleinere Gruppe aus der Villa Hadria-
na.174 Abgesehen von der Größe und abgesehen von der Tatsache, daß
in Sperlonga auch das Schiff des Odysseus dargestellt ist, zeichnet diese
Gruppe sich durch eine besonders heftige Auf- und Abwärtsbewegung
der Hundeleiber aus, die nach allen Seiten auseinanderfahren, sich nach
oben zum Schiff und nach unten zu kopfüber ins Meer stürzenden Grie-
chen recken und nach ihnen schnappen. Zwei der Gefährten sind von
den schlangenartigen Fischschwänzen Skyllas umschlungen. Dem einen
schlägt einer der Hunde die Reißzähne in den Oberschenkel, den Schä-
del des anderen zermalmt ein Hund mit furchtbarem Biß. Der Grieche,
der die Hundeschnauze wegreißen will, wirft einen Arm in seiner Todes-
not in die Luft. Sein schmerzverzerrtes Gesicht ist gefesselt zwischen
dem in die Luft peitschenden Fischschwanz und dem linken Arm, mit
dem er nach dem zubeißenden Untier an seinem Kopf greift. Solche
Schreckensbilder müssen dem Dichter175 vor Augen gestanden haben,
als er seinen Helden in die Worte ausbrechen ließ, dies sei das Jammer-
vollste, das er je mit Augen gesehen.

Die Skylla-Gruppe ist nicht nur die erstaunlichste der vier Gruppen in
Sperlonga, sondern die erstaunlichste von allen antiken Gruppenschöp-
fungen. Ein solches Unter- und Übereinanderstürzen durch die Luft
fliegender Männer, kreuz und quer dazwischenfahrender Hundevorder-
körper, und der aus diesem Getümmel emporragende Riesenleib eines
wilden Weibes, das die Gefährten aus dem vorbeigleitenden Schiff reißt
und den Hunden zum Fraß hinwirft, dagegen wirkt auch die Entsetzen
erregende Skylla-Gruppe aus der Villa Hadriana zahm und selbst die
Polyphem-Gruppe gebändigt, ja sogar die Laokoon-Gruppe, die sich
mit den geringelten Schlangenleibern noch am ehesten vergleichen läßt,
hat nicht diese Virtuosität der tief aus dem Marmor gehöhlten bizarren
Formen und aufgewühlten Motive.

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