Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 161
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1982/0165
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
der Hilfe des Konservators Fr. Hackebeil in Gips rekonstruiert, wobei er
sich der Abgüsse der wesentlichen damals bekannten Wiederholungen
in Rom und Florenz bediente. Diese Rekonstruktion wird auch durch
die Funde von Sperlonga als richtig bestätigt.

Bernhard Schweitzer kam zu dem allgemein akzeptierten Ergebnis,
daß es sich bei den bekannten Wiederholungen um römische Marmor-
kopien der fortgeschrittenen Kaiserzeit handelt, die auf ein berühmtes
griechisches Bronzeoriginal zurückgehen. Umstritten ist nur noch die
genaue Datierung des Originals, dessen Zuweisung an die pergameni-
sche Kunstschule aber so gut wie sicher scheint. Was die Datierung des
Originals betrifft, so geht es im Grund nur noch darum179, ob das Werk
schon im dritten Jahrhundert v.Chr., das heißt vor dem großen Altar
von Pergamon, oder erst nachher, also im zweiten Viertel des 2. Jahr-
hunderts v. Chr., entstanden ist, was wir aus verschiedenen Gründen und
im Anschluß an Textinterpretationen, die Bernhard Schweitzer noch
nicht bekannt sein konnten, für wahrscheinlich halten möchten.

Überträgt man die Ergebnisse der Forschungen von Bernhard
Schweitzer auf die in Sperlonga neu bekanntgewordene Replik der so-
genannten Pasquino-Gruppe, so muß man auch sie für eine Marmorko-
pie nach einem hellenistischen Bronzeoriginal halten. Da die Replik von
Sperlonga aber wenigstens hundert Jahre älter ist als alle anderen be-
kannten Wiederholungen, muß man sich immerhin die Frage vorlegen,
ob sie nicht trotz aller anderen Überlegungen selbst das Original sein
kann. Die Marmorarbeit ist von einer solchen Frische und Qualität, wie
man sie von römerzeitlichen Kopien gewöhnlich nicht kennt. Es gibt
aber ein untrügliches Indiz180 dafür, daß die Skulptur gleichwohl nicht
das Original sein kann. Anders als bei allen anderen Wiederholungen
schleift der linke Fuß des Leichnams in so unnatürlicher Weise nach, wie
es nur denkbar ist, wenn die Achillessehne durchschnitten ist.

Diese Tatsache beweist einmal, daß die anderen Repliken, welche
übereinstimmend das Motiv der von der Sehne gehaltenen und daher
vom Boden abgehobenen Ferse in anatomisch richtiger Weise zeigen,
nicht auf die Skulptur von Sperlonga mit ihrer spezifischen Abwandlung
zurückgehen können. Zum anderen führt die charakteristische Verlet-
zung der Achillessehne zu der Frage, ob die Bildhauer mit dieser absicht-
lichen Abwandlung etwa ein Indiz schaffen wollten, daß in dem Leich-
nam nicht, wie beim Original und den anderen Repliken, Patroklos,
sondern vielmehr Achill mit durchschossener Ferse zu erkennen sei, des-
sen Leichnam dann natürlich nicht Menelaos, sondern eben der auch in
allen übrigen Gruppen von Sperlonga vergegenwärtigte Odysseus vom
Schlachtfeld trägt.

161
loading ...