Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 165
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Bronzerelief der Tensa Capitoüha, in dem dei
Typus der Menelaos-Patroklos-Gruppe zur
Darstellung des Odysseus mit dem Leichnam
Achills verwendet ist.

Diese Frage ist keinesfalls abwegig, wie eine schulmäßig betriebene
Archäologie meinen könnte. Denn das gleiche Gruppenschema ist auch
in den Bronzereliefs eines kostbaren römischen Wagenbeschlages, der
sogenannten Tensa Capitolina181, verwendet. In den dort ausgewählten
Szenen aus der Geschichte des Achill soll diese Gruppenkomposition die
Bergung seines Leichnams durch Aias und Odysseus wiedergeben. Da
nicht eindeutig festzustellen war, wer von den beiden Helden größere
Verdienste um die Rettung des Leichnams des stärksten der Griechen
hatte, kam es zu dem berühmten Streit um die Waffen des Achill, in dem
Aias unterlag, in Wahnsinn verfiel und sich selbst tötete.182 Odysseus
war auf jeden Fall an der Rettung des Leichnams183 aktiv beteiligt.
Diese aus dem Mythos bekannte und von Ovid kurz zuvor in der 13. Me-
tamorphose ins Gedächtnis gerufene Tatsache könnte diejenigen, die
das Ausstattungsprogramm von Sperlonga zu entwerfen hatten, dazu
bewogen haben, Odysseus als Retter der Leiche Achills darzustellen. Da
es hierfür kein Vorbild gab, haben sie offenbar auf eine verwandte Dar-
stellung zurückgegriffen, in der ein nach der Tradition Odysseus ähnli-
cher Held, Menelaos, den Achill-Freund Patroklos vom Schlachtfeld
trägt, und sie haben dieser Gruppe durch eine prägnante und unmißver-
ständliche Abwandlung, nämlich die durchgetrennte Achillessehne, die
neue Bedeutung gegeben. Möglicherweise war die Umdeutung von Pa-
troklos auf Achill und damit die von Menelaos auf Odysseus noch durch
eine weitergehende Abwandlung kenntlich gemacht.

Leider sind keine Reste vom Oberkörper des Leichnams in Sperlonga
gefunden worden. Es fällt aber auf, daß der obere Teil der Oberschenkel
eigentümlich rauh belassen wurde, als ob ihm die letzte Glättung fehlte,
und vor allem, daß auch die Inguinalfalte nicht exakt ausgebildet ist.
Dieser Teil des Körpers scheint nicht auf Ansicht ausgearbeitet zu sein.
Das ist nur zu erklären, wenn der Leichnam nicht nackt, sondern ge-
wappnet war. Da auch der große Schild des über dem Leichnam stehen-
den Kriegers aus Bronze hinzugefügt war, wäre denkbar, daß man den
Marmorleib des Leichnams in Sperlonga mit der Zutat eines Bronzepan-
zers umkleidet hat, unter dem das kurze Waffenröckchen, ebenfalls aus
Bronze hervorkam und den oberen Teil der Oberschenkel mit der
Scham bedeckte.

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