Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 166
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Patroklos wurde von Hektor seiner Waffen beraubt184, sein Leich-
nam müßte nackt sein. Achill hingegen wird in voller Waffenrüstung
vom Schlachtfeld getragen. Durch die Zutat einer Wappnung konnte
man alle Zweifel an der Umdeutung ausschalten. Kunstgeschichtlich
nicht weniger wichtig als die Folgerung, daß die Gruppe in Sperlonga
eine Variante des Originals ist, dürfte die folgende Beobachtung sein:
Die Gesichtsformen des Menelaos der Pasquino-Gruppe sind denen des
Kopfes aus der Sammlung Polignac, den man dem Gefährten am Pfahl-
ende in der Polyphem-Gruppe zuweisen muß, so nah verwandt, daß ein
enger stilistischer Zusammenhang zwischen den beiden Gruppenschöp-
fungen vorauszusetzen ist. Nicht nur der charakteristische Verlauf der
Falten auf der Stirne, nicht nur die Gestaltung der Augenpartie, die Bil-
dung von Schnurrbart und Mund und die Strähnenform der Haare sind
nahezu identisch. Auch die ganze Struktur des Kopfes, der in der Ge-
sichtsmitte vorgebaut wirkt und sich oberhalb der Schläfen verschmä-
lert, ist ebenso gleichartig wie der erregte Gesichtsausdruck der beiden
Männer, die gleichwohl altersmäßig deutlich voneinander unterschieden
sind.

Angesichts dieser Gleichartigkeit der Stilformen, die auch die römi-
schen Kopien bewahrt haben, möchte man gern von der gleichen Hand-
schrift sprechen. Das bedeutet, daß man den Schöpfer der Pasquino-
Gruppe zumindest in der gleichen Kunstschule suchen muß wie den oder
die Schöpfer der Polyphem-Gruppe, wenn sie nicht gar identisch waren.
In der Tat offenbart auch ein Vergleich des Gruppenaufbaus der Poly-
phem- und der Pasquino-Gruppe eine Fülle von Gemeinsamkeiten, von
denen hier der pyramidale Aufbau, die Bedeutung des Parallelismus der
Glieder, die kurvig herabhängenden Arme und die bewußt gestaltete
Gegensätzlichkeit von zum Bersten gespannten und erschlafften Kör-
pern hervorgehoben seien. Sollte der Geist, aus dem diese beiden gewal-
tigen Gruppen hervorgingen, nicht derselbe sein, so gehört er jedenfalls
in den gleichen engsten Kreis, den man mit dem pergamenisch-rhodi-
schen Kunstkreis der Nachaltarzeit gleichsetzen muß. Eine Neuschöp-
fung der frühen Kaiserzeit im alten (pergamenischen) Stil kann die Pas-
quino-Gruppe keinesfalls sein, da sich die Neuheit der Umbildung in der
zwar inhaltlich entscheidenden, sachlich aber geringfügigen Abände-
rung der Achillesferse erschöpft. Ein Zeitalter, das zu solchen Kunstgrif-
fen Zuflucht nimmt, ist schwerlich in der Lage, Gruppenkompositionen
zu schaffen, die den kunstgeschichtlichen Höhepunkt dieser Gattung
bedeuten. Durch die Zuweisung früherer Schöpfungen an diese Zeit
würde man den Blick auf die eigentlichen und unbestrittenen Leistungen
der frühkaiserlichen Kunst verstellen. \

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