Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 170
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Auf diesem dreieckigen Teil des Beckenrandes blieben die Reste ei-
nes Postamentes erhalten, das wie das große Podium der Polyphem-
Gruppe und wie der kubische Sockel der Skylla-Gruppe aus Konglome-
ratmauerwerk unter Verwendung großer, in Sperlonga selbst, im Bach-
bette neben der Villa, vorhandener Kieselsteine aufgemauert war. Die
Reste eines gleichartigen Sockels finden sich auch auf dem südlichen
Zwickel, das heißt rechter Hand, wenn man zur Grotte blickt. Diese
beiden Sockel waren offenbar die mit der Gesamtanlage der Grotten-
ausstattung zugleich errichteten Postamente für die Odysseus-
Achill-Gruppe links und die Palladionraub-Gruppe rechts am Höhlen-
eingang.

Während die Polyphem- und die Skylla-Gruppe in einer fast natürlich
wirkenden Umgebung, also in einer den Realitätsgehalt erhöhenden
Weise dergestalt angeordnet waren, daß man in den Aufstellungsorten
die Polyphem-Höhle selbst oder den im Meer gelegenen Skylla-Felsen
erkennen zu können glaubte, an dem entlang das Schiff des Odysseus
durch die Fluten gleitet, haben die beiden anderen Gruppen aufgrund
ihrer Aufstellungsform eher Denkmalcharakter. Mit ihnen sollen offen-
bar die Reminiszenzen an die großen Leistungen des Odysseus vor Troja
in die Gegenwart der schwersten Abenteuer des Odysseus und seiner
Gefährten auf der Heimkehr von Troja hereingeholt werden. In dieser
Weise läßt der Dichter188 selbst Odysseus bei der Bedrohung durch
Skylla die Gefährten daran erinnern, wie sein Mannesmut sie aus der
weit größeren Gefahr in der Höhle Polyphems errettet habe. Die Erin-
nerung an bestandene Abenteuer ist also für Odysseus nicht Anlaß zu
Angst, Furcht und Verzagen, sondern diese Erinnerung feuert ihn an
und gibt ihm auch in der neuen Gefahr Mut und Kraft zum Durchhalten.

Die Palladionraub-Gruppe zeigt Odysseus nicht wie die anderen
Gruppen in eindeutig heldischer Weise, sondern sie bringt einen Grund-
zug seines Wesens zur Geltung, der ein notwendiges Komplement der
neuartigen Denkweise dieses Mannes darstellt: seine Verschlagenheit.

Leider sind von dieser Gruppe, von der man sich nach der verhältnis-
mäßig genauen Wiederholung im Relief eines kleinasiatischen Bein-
kastens des mittleren zweiten Jahrhunderts n.Chr. in Athen189 eine
Vorstellung machen kann, nur einige, wenn auch sehr wesentliche
Fragmente vorhanden: Vom Diomedes sind der prachtvoll gelockte
Kopf und der linke Arm erhalten, der das Götterbild der Pallas Athene
von Troja, kurz Palladion genannt, mit nerviger Hand umklammert hält.
Vom Odysseus wurden alle Teile des Körpers bis auf die rechte Hand ge-
funden und wieder zusammengesetzt. Nur der Kopf fehlt, und das ist be-
sonders bedauerlich, weil man ihn gerne mit dem kühnen Odysseus der

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