Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 176
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Sperlonga oblag, vor dem Problem stand, der schlanken Odysseus-
gestalt, die dem massigen Krieger der sogenannten Pasquino-Gruppe
auf der anderen Seite als Pendant dienen sollte, durch den hinten herab-
fallenden Mantel Relief und größeres Gewicht zu geben.

Für die Beurteilung des Figurenschmucks der Tiberius-Grotte sind
diese Feststellungen von größter Bedeutung. Sie bestätigen die bisher
gewonnenen Ergebnisse über die Einheitlichkeit der Skulpturenausstat-
tung dieses Naturtheaters.

Hinzu kommt noch, daß die drei Repliken der Odysseus-Gestalt un-
trügliche Indizien für die andernfalls so schwer zu beweisende Annahme
bieten, hinter den Skulpturen von Sperlonga stünden hellenistische
Bronzeoriginale. Bei allen drei überlieferten Repliken ist nämlich der
Ansatz einer abgebrochenen Marmorstütze auf der rechten Brustseite
erhalten, mit deren Hilfe der frei aus dem gleichen Block gehauene
rechte Unterarm gehalten wurde. Dieser Puntello sitzt nun bei den drei
Torsen eigentümlicherweise nicht an der gleichen Stelle. Vielmehr fin-
det er sich bei der Figur in Sperlonga auf der rechten Brustwarze, beim
Torso aus der Via Margutta unter der rechten Brustwarze und beim hier
nicht abgebildeten Torso im Palazzo Mattei195 neben der rechten
Brustwarze. Das läßt darauf schließen, daß das Vorbild an dieser Stelle
keine Stütze besessen hat. Denn sonst wäre nicht zu erklären, warum die
Körper in allem übrigen so genau und maßgleich, das heißt doch wohl,
mit der mechanischen Dreipunktmethode, kopiert wurden und nur in
diesem untergeordneten Detail voneinander abweichen. Hätte das Vor-
bild eine Stütze von der Brust zum Arm besessen, wäre es viel einfacher
gewesen, diese genau an der Stelle, wo sie ansaß, mitzukopieren. Nur
weil keine Stütze vorhanden war, mußten die Kopisten eine solche an-
bringen, und jeder wählte dafür die ihm am günstigsten erscheinende
Stelle. Wenn das Vorbild aber an dieser Stelle keine Stütze gehabt hat,
dann muß es aus Bronze gewesen sein, die im Gegensatz zum spröden
Marmor keine Verstrebung herausragender Glieder nötig hatte.

Damit kommt man auch bei der vierten Gruppe in Sperlonga zum
gleichen Ergebnis, wenn auch auf einem ganz anderen Wege und mit un-
abhängigen Indizien. Alle Skulpturengruppen von Sperlonga sind nach
hellenistischen Bronzewerken geschaffene Marmorkopien196, und alle
stellen die Odysseus-Gestalt in den Mittelpunkt.

Die Frage ist nur, wann diese Marmorkopien geschaffen und von
wem sie in Auftrag gegeben wurden. Es liegt zwar nahe, bei diesem mit
dem Namen des Kaisers Tiberius verbundenen Grottentriklinium an
eben diesen Kaiser als Auftraggeber zu denken, aber selbstverständlich
ist das nicht.

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