Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 179
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winnt deren summarischer Bericht jedoch eine ganz neue Wichtigkeit.
Denn diese Villa war nicht eine von vielen, sondern sie war ein bis dahin
einzigartiges Werk, in das gewaltige Geldsummen investiert worden sein
mußten und das auch neben den späteren Kaiservillen in Capri, Baiae,
Anzio, Castel Gandolfo und Tivoli an Großartigkeit bestehen kann. Die
Frage ist, wer die Geldmittel, die zur Anlage eines solchen Komplexes
notwendig waren, zur Verfügung hatte, und weiter, wer die rhodischen
Künstler, welche die Skylla-Gruppe signiert und wahrscheinlich das
ganze mythologische Bildprogramm ausgearbeitet haben, beauftragt
haben könnte.

Denken könnte man etwa an einen der großen republikanischen Se-
natoren und Feldherrn, die im ersten Jahrhundert v. Chr. bei ihren Feld-
zügen im Osten unermeßliche Reichtümer erworben hatten, zum Bei-
spiel an Lucullus. Er soll nicht weit vom Monte Circeo eine Villa beses-
sen haben.200 In der Tat gibt es in der Villa von Sperlonga einen republi-
kanischen Kern, wie der Baustil, die Verwendung bestimmter Baumate-
rialien und der charakteristische Fußbodenbelag mancher Räume be-
weisen.201 Diese ältesten Bauteile in der Villa von Sperlonga haben je-
doch keinerlei erkennbaren Zusammenhang mit der Ausstattung der
Grotte, bei der zum Beispiel an der Rampe zur Terrasse hinter der Poly-
phem-Gruppe Kalksteinretikulat, ein erst seit tiberianischer Zeit in
Gebrauch gekommenes Netzmauerwerk202 Verwendung fand.

Bisher ist auch keine einzige republikanische Villa mit einer so
prunkvollen Ausstattung bekannt geworden. Einen derartigen Luxus
konnte sich wohl doch nur ein Kaiser nachaugusteischer Zeit leisten.

In diesem.Zusammenhang ist es interessant, einen Blick auf die Le-
bensgeschichte des Kaisers Tiberius203 zu werfen. Er wurde 42 v. Chr.
als Sproß der hochadligen Familie der Claudier geboren. Seine Mutter,
die ungewöhnlich schöne und bedeutende Livia Drusilla, heiratete, als
der Knabe drei Jahre alt war, in zweiter Ehe Octavian, den späteren Kai-
ser Augustus. Tiberius, der der wohl größte Feldherr seiner Zeit werden
sollte und im Auftrage des Augustus zahlreiche Feldzüge erfolgreich
durchführte, wurde von seinem Stiefvater, als es zur Regelung der Nach-
folge kam, übergangen. Zunächst wurde Agrippa und nach dessen Tod
wurden dessen beide Söhne Gaius und Lucius Caesar, durch seine Toch-
ter Julia Enkel des Augustus, zu Nachfolgern ausersehen. Um ihnen
nicht im Wege zu sein, begab Tiberius sich im Jahre 6 v. Chr. in die frei-
willige Verbannung nach Rhodos, wo er sich philosophischen, literari-
schen und schöngeistigen Studien widmete. Dies war neben der Krieg-
führung das andere Extrem seiner Beschäftigung, durch die er den boh-
renden Schmerz über seine Zurücksetzung zu verdrängen suchte.

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