Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 181
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facsimile
Sperlonga.
Rekonstruierter
Anblick der
„ Odyssee in
Marmor" mit
den Darstel-
lungen der
bedeutendsten
Heldentaten
des Odysseus
vor Troja im
Vordergrund
(Rettung des
Leichnams
des Achill,
links, Raub
des Palladions,
rechts) und
den seh wierig-
sten Aben-
teuern auf der
Heimfahrt im
Hintergrund.

Weil seine Sicherheit in Rhodos nicht mehr gewährleistet war, kehrte
Tiberius auf Bitten seiner Mutter im Jahre 2 n. Chr. nach Rom zurück,
nicht ohne zuvor bei dem präsumtiven Nachfolger des Augustus, Gaius
Caesar, um Erlaubnis gebeten zu haben, da dieser nach dem kurz zuvor
erfolgten Tode des Bruders Lucius als alleiniger Thronprätendent galt.
Gaius Caesar war erst zweiundzwanzig Jahre alt. Der doppelt so alte Ti-
berius schien daher von der Nachfolge ausgeschlossen.

Das Schicksal hatte ihn gleichwohl dazu ausersehen, denn im Jahre 4
n. Chr. erlag Gaius Caesar einer Verwundung, die er im armenischen
Feldzug vor Artagira erhalten hatte.

So hatte Tiberius alle von Augustus zu möglichen Nachfolgern auser-
sehenen Männer überlebt, und es war der beharrliche Einsatz seiner
Mutter Livia, der Augustus schließlich im Jahre 4 n. Chr. bewog, Tibe-
rius zu adoptieren und sich seiner wieder als Feldherr zu bedienen.
Tiberius war damit auf den Weg der Nachfolge des Augustus gebracht,
die er jedoch nach dessen Tod im Jahre 14 n. Chr., nun schon fünfund-
fünfzigjährig, erst nach langem Zögern antrat. Die Regierungszeit des
mißtrauischen Mannes war von Anfang an von unglücklichen Ereignis-
sen in seiner Familie, in der Innen- und Außenpolitik und vor allem
durch Auseinandersetzungen um die Macht im eigenen Hause über-
schattet. Livia, die von ihrem Gatten noch testamentarisch zur Augusta
gemacht worden war, hielt ihrem Sohn vor, was sie für ihn getan hatte,
und sicherte sich ihren Anteil an der Macht, was Tiberius verbittert und
ihm seine eigene Regierungszeit vergällt hat.

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