Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 184
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n. Chr., in dem sich der Steinschlag von Sperlonga ereignete, für immer
nach Capri begibt und dort die zwölf Villen auf den Namen der zwölf
Götter errichten läßt.209 Dort hatte schon Augustus, der die Insel im
Jahre 29 v. Chr. in die kaiserliche Verwaltung übernommen hatte, eine
Villa am Meer erbauen lassen. Hier konnte Tiberius, als Sperlonga sich
durch den Steinschlag mit seinen tödlichen Folgen als lebensgefährlich
erwies, sofort Wohnung beziehen und von hier aus den Aufbau prächti-
gerer Villenbauten, die in manchen Punkten an Sperlonga erinnern,
überwachen. Bedenkt man nun noch, daß auf Capri, das eigentlich nur
zur Zeit des Tiberius überragende Bedeutung genoß, die Meistersigna-
tur eines Athanadoros Hagesandrou aus Rhodos210 gefunden wurde,
also doch wohl eines der Laokoon-Meister, die für die Ausstattung von
Sperlonga verantwortlich waren, dann ist das ein weiterer Beweis für die
Verbindung von Tiberius mit Sperlonga.211

Schließlich ist noch eine wichtige Voraussetzung für die Möglichkeit
zu beachten, daß Tiberius sich nach Capri, also sehr weit von Rom, dem
Zentrum der Macht, zurückziehen konnte. Erst beim Steinschlag von
Sperlonga hatte Tiberius erfahren, daß es einen Mann gab, dem er blind-
lings vertrauen zu können glaubte und der ihn in Rom vertreten konnte,
nämlich Sejan. Ohne einen solchen Mann mußte der Schritt, auf die Insel
im Golf von Neapel zu übersiedeln, zumindest gewagt erscheinen. Das
zeitliche Zusammentreffen der Übersiedlung nach Capri mit dem Stein-
schlag von Sperlonga scheint demnach nicht mehr zufällig. Dieser Ort
mußte Tiberius verlitten sein, zugleich hatte sich der Mann gefunden,
der ein noch weiteres Fernrücken von der verhaßten Hauptstadt und ein
Sich-Zurückziehen auf eine sichere Insel garantieren konnte.

Wer einmal von der Höhe der Villa Jovis auf Capri herab auf die rings
im Kreis sich schließende Landschaft des Golfs von Neapel geschaut hat,
der muß das Gefühl nachvollziehen können, das den Kaiser hier be-
herrschte. Man glaubt dort, im Mittelpunkt einer weiten Welt zu stehen
und doch durch Meer und Steilabfall der Inselküste von ihr abgeschlos-
sen, gegen sie gesichert zu sein. Auch das Bewußtsein, im geographi-
schen Mittelpunkt seines Weltreiches - das er als Feldherr des Augustus
von Norden nach Süden und von Westen nach Osten durchmessen hatte
— diesen sicheren Ort gefunden zu haben, mußte Tiberius mit Befriedi-
gung erfüllen.

Aber war dieser Mann so gebildet, daß ihm das Skulpturenprogramm
von Sperlonga etwas sagte? Immerhin ist seit der Entdeckung der Skulp-
turenausstattung der Blauen Grotte212, die den gleichen wissenschaft-
lich interessierten Tauchern des Centro di Studi Subacquei von Neapel
zu verdanken ist, welche auch die Polyphem-Gruppe von Baiae gebor-

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