Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 185
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gen und die Unterwasserausgrabung des dortigen Nymphäumsaales
ausgeführt haben, soviel sicher, daß der Kaiser für diese Art der Ausge-
staltung seines Lebensraums eine ausgesprochene Vorliebe hatte. Auch
in Rom hatte er sich als Kunstkenner erwiesen, als er die berühmte
Bronzestatue des Schabers von Lysipp in seine Privatgemächer stellen
ließ, was zu einem Volksaufstand führte und deshalb wieder rückgängig
gemacht werden mußte.213 Aus einer Notiz des Naturforschers Plinius
d. Ä. im Zusammenhang mit der Erwähnung des Laokoon geht hervor,
daß Tiberius zur Ausstattung seines noch immer unausgegrabenen Pala-
stes auf dem Palatin in Rom hervorragende Künstler aus dem griechi-
schen Osten herangeholt hatte.214

Besonders aufschlußreich aber ist folgende, von Tacitus215 im Zu-
sammenhang mit der endgültigen Abreise von Rom überlieferte Nach-
richt. Diese Abreise sei ohne großes Gefolge vor sich gegangen. Ein ein-
ziger Senator, außerdem Seianus und noch ein römischer Ritter seien
dabei gewesen, sonst nur Gelehrte und Literaten, meist Griechen, in de-
ren Unterhaltung er Erholung finden wollte. Nach der Entdeckung des
odysseeischen Naturtheaters von Sperlonga kann man sich von dieser
Art Unterhaltung eine lebendige Vorstellung machen. Man versteht nun
auch besser, was damit gemeint ist, wenn Tacitus und Sueton berichten,
Tiberius habe gerne Homer-Zitate im Munde geführt.216 Seine Vorliebe
für Homer geht auch aus der Nachricht hervor, daß Tiberius den ersten
Tempel für seine vergottete Person in Smyrna zu errichten gestattete,
weil der Dichter aus dieser im übrigen an politischer Bedeutung hinter
Pergamon und Ephesos zurückstehenden Stadt stammte.217

Stellt man sich vor, wie der Kaiser und seine Convivalen auf dem In-
seltriklinium von Sperlonga lagern und in ihrem Blickfeld die Heldenta-
ten des Odysseus sich abspielen sahen, so glaubt man, nachvollziehen zu
können, wie sich mit den Tafelfreuden geistreiche Gespräche über
Odysseus und seine Taten, über Virtus und Honos mischten. Das Bild,
das die römischen Historiker von Tiberius zeichnen, als eines energi-
schen und despotischen, als eines nach Gerechtigkeit suchenden und
doch oft grausamen Mannes, als eines erbarmungslosen Soldaten und
hochgebildeten Schöngeistes bekommt angesichts dessen, was er in den
Stunden der Muße vor Augen haben wollte, eine eigentümliche und be-
klemmende Deutlichkeit. Die blutrünstigen Szenen der Blendung Poly-
phems und des Skylla-Abenteuers, die keineswegs eindeutigen Helden-
taten des Odysseus vor Troja, der auf der einen Seite den Leichnam des
Freundes aus der Schlacht schleift und auf der anderen voller Neid den
Gefährten hinterrücks erschlagen will, dem er zwar über die Mauer ge-
holfen hat, der deshalb aber als erster zum Altar kam und nun das Palla-

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