Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 186
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dion trägt: Das alles ist keine Idylle. Es läßt den inneren Zwiespalt au-
genfällig werden, der das Leben des Tiberius beherrscht. Im Begriff der
Virtus wird dieser Zwiespalt versöhnt. Dieser römische Wertbegriff
kommt einem angesichts der Odyssee in Marmor von Sperlonga in den
Sinn, weil Ovid218, der größte römische Dichter dieser Zeit, ihn Odys-
seus beim Streit um die Waffen des Achill in den Mund legt. Um der Vir-
tus willen, die er, Odysseus, bewiesen habe, als er den Leichnam Achills
rettete, müßten ihm und nicht Aias die Waffen des toten Freundes zuge-
sprochen werden.

»Ich trug hier auf den Schultern, auf diesen Schultern Achilles' Leib
und zugleich die Waffen, die ich jetzt zu tragen begehre!« Mit diesen
Worten meldet Odysseus in Ovids Metamorphosen219 sein Recht an. So
deutlich steht es in keiner anderen antiken Mythenquelle, sondern ge-
wöhnlich wird Aias als derjenige hingestellt, der als einziger die Kraft
hatte, den Leichnam Achills zu tragen.

Die deutliche Aussage Ovids, die so gut zur Abwandlung der Pasqui-
no-Gruppe in Sperlonga paßt, wird besonders interessant, wenn man
beachtet, daß Ovid220 in der gleichen Waffenstreitrede Odysseus auch
den Raub des Palladions als eigene Großtat bei der Eroberung Trojas
herausstellen läßt. Die Nacht, in der er gemeinsam mit Diomedes das
Palladion geraubt, habe ihm den Sieg über Troja verliehen. »Ich er-
zwang es, man konnte es schlagen!«221

Nur in diesem nicht lange vor der Ausgestaltung der Höhle von Sper-
longa veröffentlichten Gedicht werden die Rettung der Leiche Achills
und der Raub des Palladions in so prononcierter Weise nebeneinander-
gestellt, daß man in der Gegenüberstellung der beiden Gruppen in Sper-
longa sogar eine unmittelbare Auswirkung dieser Verse sehen könnte.
Auf jeden Fall zeigen die Worte des Dichters, wie man die mythischen
Beispiele in seiner Zeit, die auch die Zeit des Tiberius ist, verstanden
wissen wollte: als exemplum virtutis.

Als Tiberius etwa zwanzig Jahre alt war und kurz bevor ihm die erste
große diplomatische Mission, die Rückholung der bei Carrhae verlore-
nen Feldzeichen anvertraut wurde, hatte Horaz in seinem Brief I, 2 an
Lollius Maximus auf die ethische Bedeutung der Lektüre Homers hin-
gewiesen:

»Auch, was Mut und Klugheit vermögen, hat uns der Dichter
Beispielhaft vor Augen gestellt im Helden Odysseus.«

Diese Worte mögen dem Kaiser Zeit seines Lebens im Ohr geklungen

haben. Ovid hatte sie noch einmal bekräftigt.

Odysseus war für Tiberius ein Vorbild. Das wird offensichtlich, wenn

man die Folgen des bedingungslosen Vertrauens überdenkt, das Tibe-

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