Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 188
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Becken in der Höhle sich nach außen ausbuchtet und von wo aus Wasser
in einem Kanal rings um den aus dem Stein gehauenen Bug fließt, hat
man den Eindruck, daß hier ein Schiff den zusammenschlagenden
Plankten zu entkommen sucht. Zur Verdeutlichung dieses Eindrucks
war der Name des Schiffes NA VIS ARGO in Mosaiksteinen auf die
Schiffswandung geschrieben. Das erinnert daran, daß.nur die Argo heil
durch diese Felsen des Scheiterns gesegelt war.222

Das Schiff am Höhleneingang gehört also zur » Odyssee-Landschaft«,
in die dieser Küstenstrich verwandelt worden war. Wandmosaik, wie
es für die Inschrift verwendet wurde, kommt erst in tiberianischer Zeit
auf und findet sich bei datierten Anlagen zuerst in den Nymphäen von
Capri223, die der Grotte des Tiberius von Sperlonga verwandt sind.
Auch das spricht für eine Datierung der Ausstattung dieser Grotte in die
Zeit des Tiberius.

Gleichwohl gab es ein Gegenargument, das für Archäologen, die häu-
fig aufgrund der Überlieferungslage kein anderes Kriterium zur Verfü-
gung haben als den Stil, ein ganz besonderes Gewicht besitzt. Bislang
waren Werke der Stilstufe, die die Skulpturen von Sperlonga repräsen-
tieren, aus der römischen Kaiserzeit nicht bekannt. Alle Versuche224,
auch die des Verfassers, derartige Werke bis in die flavische Kunst hinein
nachzuweisen, haben sich als irrig erwiesen.

Erst mit den jüngsten Unterwasserausgrabungen von Baiae wurde
der Wissenschaft ein neues, stilunabhängiges Datierungskriterium an
die Hand gegeben, mit Hilfe dessen man nachweisen kann, daß Skulptu-
ren verwandten Stils auch noch in claudischer Zeit, das heißt bis in die
Generation nach der Ausstattung von Sperlonga, geschaffen wurden.
Damit ist ein tragfähiger neuer Ansatz gewonnen, der auch für die Beur-
teilung der Laokoon-Gruppe225 bedeutungsvoll ist.

Die Episode, die in dieser den mythologischen Skulpturengruppen
von Sperlonga stilistisch so nah verwandten Gruppe wiedergegeben ist,
führt keineswegs von dem in diesem Buch behandelten Odysseus-
Thema ab. Gestaltet ist darin die Geschichte des Priesters Laokoon, der
sich gegen das von Odysseus entworfene, verderbenbringende hölzerne
Pferd, von dem Demodokos am Hofe der Phäaken singt226, zur Wehr
setzt und dafür von den Göttern, die den Untergang Trojas beschlossen
haben, dem Tode geweiht wird. Wegen der engen inhaltlichen und
kunstgeschichtlichen Verflechtung mit den hier angeschnittenen Pro-
blemen sei im folgenden Kapitel die Streitfrage der Datierung der Lao-
koon-Gruppe aufgegriffen, die durch die im darauffolgenden Kapitel
behandelten Funde von Baiae einer Lösung zumindest näher geführt
werden kann.

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