Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 190
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5.189 DIE Skulpturen von Sperlonga haben die Wissenschaft vor ein sehr

Laokoon. verwickeltes kunstgeschichtliches Problem gestellt, das deshalb noch
eine weit über Sperlonga hinausgehende Bedeutung besitzt, weil es zu-
gleich das Problem der Datierung und historischen Einordnung des nach
den Worten von Peter Heinrich von Blanckenhagen227 »wohl berühm-
testen Stückes antiker Skulptur« einschließt, nämlich der Laokoon-
Gruppe im Vatikan. Oben wurde schon gesagt, daß die Meinung der
Forschung über dieses Werk gespalten ist. Nach der von den meisten
Forschern vertretenen Meinung, die Werner Fuchs228 in seinem schon
zitierten Buch »Die Skulptur der Griechen« mit den Worten zusammen-
gefaßt hat: »Der Laokoon bleibt das letzte bedeutende Werk der grie-
chischen Kunst in römischer Zeit (um 50 v. Chr.), ein griechisches noch,
aber doch das letzte«, ist die Laokoon-Gruppe ein rhodisches Original
spätrepublikanischer Zeit.

Diese Meinung hatte sich aufgrund verschiedener Voraussetzungen
gebildet, von denen jedoch die wichtigste inzwischen entfallen ist, näm-
lich der Versuch des dänischen Forschers Christian Blinkenberg229, die
Namen der drei von Plinius erwähnten Künstler in inschriftlich überlie-
ferten Persönlichkeiten der Stadt Lindos auf Rhodos aus der zweiten
Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. wiederzuerkennen. Nach der Hypo-
these Blinkenbergs mußten zwei der drei Künstler Brüder sein. Da aber
die Vatersnamen, die erst durch die Inschrift von Sperlonga bekannt ge-
worden sind, verschieden lauten, brach diese Hypothese zusammen.

Während die meisten Forscher gleichwohl an der aus dieser Hypo-
these abgeleiteten Datierung festhielten, hat Filippo Magi230, dem die
Wiederherstellung der Laokoon-Gruppe und die Anfügung des erst
1905 aufgetauchten rechten Armes zu verdanken ist, die Konsequenz
aus der neuen Lage gezogen und nach einer von Blinkenberg unabhän-
gigen Datierung der Laokoon-Gruppe gesucht. Er fand dabei Unter-
stützung durch eine hervorragende Kennerin der hellenistischen Plastik,
Gisela M. A. Richter231, welche ebenso wie Magi die enge Verwandt-
schaft Laokoons zum Pergamonaltar ernst nahm und eine Datierung
wenn auch nicht wie Magi vor, so doch kurz nach diesem um 180 v. Chr.
zu datierenden Hauptwerk hellenistischer Bildhauerkunst vorschlug.

Diese Hypothese beachtete jedoch nicht die von vielen für Stilnuan-
cen empfindlichen Forschern beobachteten römerzeitlichen Eigenarten
der Skulptur, die eine so frühe Datierung an den Anfang des 2. Jhs.
v. Chr. ausschließen mußten. Diese Forscher232 schlugen konsequen-
terweise eine Datierung des Werkes in die Kaiserzeit vor, das mit der
Erwähnung in der um 75 n. Chr. niedergeschriebenen Naturalis Historia
des Plinius einen spätestmöglichen Zeitpunkt seiner Entstehung hat.

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