Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 192
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Plinius, der sein Werk dem Imperator und späteren Kaiser Titus
widmete, kommt am Ende einer langen Liste griechischer Marmorbild-
hauer auf die Laokoon-Gruppe mit folgenden Worten233 zu sprechen:
»Nun ist nicht mehr viel von anderen zu berichten, deren Berühmtheit
trotz ihrer hervorragenden Werke die Zahl der Künstler entgegensteht,
da weder einer den Ruhm allein genießt, noch mehrere ihn zugleich in
Anspruch nehmen können, wie im Fall des Laokoon, der im Palast des
Imperators Titus steht, ein Werk, das allem in der Mal- oder Bildhauer-
kunst vorzuziehen ist. Aus einem Stein haben ihn, die Kinder und die
bewundernswerten Schlangenwindungen nach einem Ratsbeschluß die
höchsten Künstler Hagesander, Polydorus und Athanadorus, die Rho-
dier, gemacht. In der gleichen Weise füllten Craterus zusammen mit Py-
thodorus, Polydeuces mit Hermolaus, ein anderer Pythodorus zusam-
men mit Artemon und als Einzelner Aphrodisius von Tralleis die Palati-
nischen Kaiserpaläste mit trefflichen Bildwerken«.

Dieser Text enthält einen merkwürdigen Widerspruch. Auf der einen
Seite soll das Werk absolut überragend sein. Nie hat die Malerei oder die
Bildhauerkunst etwas Schöneres hervorgebracht. Auf der anderen Seite
sind die Bildhauer nicht so berühmt, wie man erwarten müßte. Diese
Tatsache wird mit dem seltsamen Argument erklärt, daß man nicht wis-
se, wem von den drei Künstlern man den höchsten Ruhm zuerkennen
solle. Plinius hat an anderer Stelle Werke erwähnt, die in Zusammenar-
beit mehrerer Bildhauer geschaffen wurden, ohne im mindesten anzu-
deuten, daß der eine den Ruhm des anderen verdunkelt habe. Als Bei-
spiele mögen Dipoinos und Skyllis, Apollonios und Tauriskos von Tral-
leis und die vier Schöpfer des noch öfter zu erwähnenden Kleinen Attali-
schen Weihgeschenks auf der Akropolis dienen.234 Hier und auch bei
anderen Werken mehrerer Künstler findet sich das Argument nicht, Zu-
sammenarbeit mehrerer mindere den Ruhm der einzelnen.

Plinius muß einen Grund gehabt haben, im Fall der Laokoon-Gruppe
zu erklären, wieso das Werk so überragend, die Künstler hingegen so
wenig bekannt seien. Dieser Grund dürfte in dem Satz über den Aufstel-
lungsort der Gruppe enthalten sein, »die im Palast des Imperators Titus
steht«. Denn Titus, der Sohn des regierenden Kaisers Vespasian, der
bald nach der Vollendung des Plinianischen Werkes dem Vater auf den
Thron folgen sollte, war der Adressat der Naturalis Historia. Plinius hat
also mit seiner Bemerkung ein Werk im Besitz desjenigen Mannes235 ge-
rühmt, dem er die 37 Bücher seiner Naturgeschichte gewidmet hat. Da
galt es natürlich zu erklären, warum dieses Kunstwerk noch nicht die all-
gemeine Anerkennung gefunden hatte, die es verdiente. Vielleicht hätte
man diesen Widerspruch schon früher bemerkt, wenn die Auffindung

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