Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 195
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tion beitragen kann, vor welche die Entdeckungen von Sperlonga die
Wissenschaft gestellt hat.

Die Hypothese, daß Kaiser Tiberius der Auftraggeber der Skulpturen
in der Grotte von Sperlonga war, steht und fällt mit der Datierung der
Bildhauerarbeit an der Laokoon-Gruppe in die gleiche Zeit. Da die Auf-
traggeberschaft des Tiberius in Sperlonga aufgrund der Kombination
der Schriftquellen mit dem Ausgrabungsbefund begründet ist, soll nun
der umgekehrte Weg beschritten und die Frage gestellt werden, ob diese
Tatsache auch etwas zur Lösung des Laokoon-Problems beitragen kann.
Die erste Frage in diesem Zusammenhang muß lauten, ob die Lao-
koon-Gruppe als Originalschöpfung der frühen Kaiserzeit oder, in abso-
luten Zahlen ausgedrückt, der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.
kunstgeschichtlich verständlich wäre.

Als Schöpfung des mittleren 1. Jahrhunderts v. Chr. hatte man sie als
letztes noch im lebendigen Strom der griechischen Kunst entstandenes
Werk verstehen zu können geglaubt. Doch im Grunde war die griechi-
sche Kunst zu dieser Zeit kein Strom mehr, sondern nur noch ein Rinn-
sal. Die Macht und die Geldmittel der Römer hatten das Szepter der
Kunst an sich gerissen. Die spätesthellenistischen Kunstwerke mit fe-
stem Entstehungsdatum aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. sind schwächli-
che Gebilde, die mit der grandiosen Erfindungsgabe und plastischen
Kraft, von der die Laokoon-Gruppe zeugt, nichts gemein haben. Das
höchste, was griechische Künstler besonders nach der Sullanischen
Strafexpedition im römisch gewordenen Osten im Auftrag selbst der
mächtigsten Auftraggeber zu leisten imstande waren, kann der Poly-
phem-Giebel von Ephesos zeigen. In einer Zeit, für die diese Giebel-
skulpturen repräsentativ sind, wirkt die Laokoon-Gruppe als ein errati-
scher Block. Nicht anders ist das mit der noch zwei Generationen später
liegenden Zeit des Kaisers Tiberius.

Sollte man heute den genauen Ort der Laokoon-Gruppe als künstle-
rische Schöpfung unvorbelastet durch die Plinius-Notiz und durch die
von ihr konditionierte archäologische Forschung seit Johann Joachim
Winckelmann zu bestimmen versuchen, so würde man zweifellos in den
näheren oder weiteren Umkreis des um 180-160 v. Chr. geschaffenen
großen Altarfrieses von Pergamon240 kommen. In die Filiation dieses
Werkes, das seinerseits schon die gewaltigen Gruppenschöpfungen der
Großen Attalischen Gallier241 und der Schindung des Marsyas242 vor-
aussetzt, glaubten wir auch die Polyphem-Gruppe von Sperlonga ein-
ordnen zu müssen. Diese Skulpturengruppe, die nach dem Meißelstil zu
urteilen, im gleichen Bildhaueratelier aus dem Marmor geschlagen
wurde wie die Laokoon-Gruppe, ist eine der größten aus dem Altertum

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