Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 196
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überkommenen freiplastischen Gruppenkompositionen. Sie bildet ei-
nen gewissen Höhepunkt in den jahrhundertelangen Bemühungen grie-
chischer Bildhauer, aus verschiedenen bewegten Einzelfiguren ein über-
geordnetes Ganzes im Zusammenwirken der Motive herzustellen und
auf diese Weise ein Geschehen räumlich zu vergegenwärtigen, das durch
die Dreidimensionalität einen besonderen Realitätsgrad erlangt.

Schon zur Zeit Homers waren in der geometrischen Kleinplastik
Gruppenkompositionen von einer scheinbar »überwältigend kühnen
Raumentfaltung« gelungen, aber gewissenhafte Untersuchungen243 ha-
ben ergeben, daß die Räumlichkeit dieser Kompositionen nicht eine
künstlerische Bewältigung des Raumproblems darstellt, sondern einer
naiven Unbefangenheit gegenüber dem Gegenstand entspringt, die nur
durch die Entwicklung bewußter Gesetzmäßigkeiten überwunden wer-
den konnte.

Diese erfolgt in den großen Phasen der griechischen Kunst, der
archaischen, der klassischen und der hellenistischen, in drei einander
ablösenden Formen der künstlerischen Raumvorstellung.244

Der archaischen Kunst, der es auf die Lösung des Seins aus dem Wir-
bel des Werdens und Vergehens ankommt, entspricht eine zusammen-
setzende, schichtende, rechtwinklig normierte, d. h. kubistische Körper-
vorstellung, die eine mit dem naturgegebenen optischen Sehbild nicht
übereinstimmende, sondern anderen Gesetzen gehorchende künstleri-
sche Gestaltungsweise verlangt. Die einzelnen Bausteine einer Gruppe
werden hier in ein verhältnismäßig strenges, von der Kastenform be-
stimmtes Verhältnis zueinander gebracht. Das wesentliche Mittel der
Gruppenbildung ist die streng frontale Nebeneinanderstellung von Figu-
ren, deren Bewegungsmotive in sich bereits vollendet sind. Die freipla-
stische Wiedergabe einer Darstellung der Blendung Polyphems, die in
der Flächenkunst schon von früharchaischen Vasenbildern bekannt ist,
wäre in dieser Zeit undenkbar.

In der klassischen Kunst werden die Körper im Sinne des Naturvor-
bildes beweglicher und lockerer, aber ihre Bewegung bleibt im Rahmen
eines Raumes gebunden, der durch die Körper selbst erst geschaffen
wird, der nicht als Kontinuum die Körper umgibt. Überall spürt man
noch die Orthogonalität im Verhältnis der einzelnen Bausteine der Kör-
per und der Figuren zueinander, die eine Gruppe bilden. Diese Ortho-
gonalität gibt dem Gruppenzusammenhang die notwendige Festigkeit,
auch wenn die Gestalten in der kontrapostischen Bewegung der Klassik
schwingen.245

Erst in der hellenistischen Zeit, in der Euklid die Gesetze der Optik
wissenschaftlich erfaßt, wird der Erscheinungsraum als ein Wert angese-

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