Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 198
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Man wird die Laokoon-Gruppe daher als Schöpfung des mittleren
2. Jahrhunderts v. Chr. und die allein erhaltene Ausführung im Vatikan
für eine frühkaiserzeitliche Marmorkopie aus dem von Plinius genann-
ten und in Sperlonga inschriftlich bezeugten rhodischen Bildhaueratelier
ansehen müssen. Für die Richtigkeit dieser Hypothese bietet die Gruppe
selbst ein beachtliches Kriterium: Über die Schulter des vom Beschauer
aus rechten, älteren Knaben fällt in merkwürdiger Weise ein Mantelstoff
herab, der sich in der Realität so niemals halten könnte, sondern sofort
unter seinem eigenen Gewicht herabgleiten müßte. Verständlich wird
dieser Mantel, wenn man bedenkt, daß er als Stütze für die nur auf dem
einen Fuß balancierende Knabenfigur aus Marmor dient. Ein Bronze-
bildwerk könnte auf eine solche Stütze verzichten.

P. H. v. Blanckenhagen251 erschien die Figur des älteren Sohnes im
künstlerischen Sinne so unbefriedigend, daß er sie als römische Zutat an-
sehen wollte. Das ist aber unmöglich, weil die Bewegung des Vaters, der
sich heftig zur Seite lehnt, nur sinnvoll ist, wenn der Schlangenleib, dem
er sich zu entwinden sucht, durch die divergierende Haltung des älteren
Sohnes nach der anderen Seite gezerrt wird.

Die Hypothese, daß die Laokoon-Gruppe im Vatikan eine frühkai-
serzeitliche Kopie in Marmor nach einem hellenistischen Bronzeoriginal
ist, bei dem der Mantel des älteren Knaben entbehrlich war, würde meh-
rere Probleme in einem lösen: Wenn die Laokoon-Gruppe nicht mehr
als eine der Entwicklung um hundert oder mehr Jahre nachhinkende,
völlig isolierte Einzelschöpfung in einem stilistisch andersartigen Um-
feld verstanden werden müßte, dann könnte man den Ablauf der helle-
nistischen Kunst als einen historischen Entwicklungsprozeß begreifen,
in dem jedem epochalen Werk sein bestimmter geistiger Ort angewiesen
werden kann.

Die Basis für diesen wissenschaftsgeschichtlich neuen Ausgangs-
punkt ließe sich allerdings nur befestigen, wenn es gelänge, unter den
frühkaiserzeitlichen Kopien Werke der gleichen Qualität und der glei-
chen Oberflächenbehandlung nachzuweisen. Denn die Qualität der
Marmorarbeit ist sowohl bei der Laokoon-Gruppe als auch bei den
Sperlongaskulpturen so hervorragend, daß man zum allgemeinen Urteil
gelangte, es müsse sich um Originalarbeiten handeln.

Nun sind aber Skulpturen dieser Qualität, die man eindeutig in die
frühe Kaiserzeit datieren kann, bei den jüngsten Unterwasserausgra-
bungen in Baiae gefunden worden. Damit mündet dieser scheinbare Ex-
kurs über die kunstgeschichtliche Stellung der Laokoon-Gruppe, der in
Wahrheit ein Kernstück der ganzen Abhandlung ist, wieder in die große
mit dem Odysseus-Bild befaßte Linie dieses Buches.

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