Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 200
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S. 199 WIE verwickelt die kunstgeschichtliche Situation ist, welche in die-

von Castel m sem Bucn aufzulösen versucht werden soll, zeigte sich schon, als wir die
Gandolfo. Skulpturen des Polyphem-Giebels von Ephesos aus der Zeit zwischen 41

und 31 v. Chr., die 93 n. Chr. in Zweitverwendung im Domitians-Brun-
nen aufgestellt wurde, mit der Weinreichungs-Gruppe derselben Typo-
logie aus dem Nymphäum von Baiae verglichen haben.251

Nach allen Regeln der kunstgeschichtlichen Stilbestimmung hätte
man die Skulpturen von Baiae mit ihrem kraftvollen, plastisch detaillier-
ten, zum Naturalismus pergamenisch-rhodischer Prägung tendierenden
Stil entwicklungsgeschichtlich früher datieren müssen als den ausge-
dünnten, trockenen Stil der insektenhaften Figuren vom ephesischen
Giebel mit ihren überlängten Gliedmaßen und ausgemergelten Rümp-
fen. Aber die Datierung des Bauzusammenhangs legte das Gegenteil
nahe. Die Giebelskulpturen von Ephesos waren unter Marc Anton in
Auftrag gegeben worden, die beiden Figuren der Weinreichungs-
Gruppe von Baiae standen hingegen in einem zunächst noch nicht genau
datierbaren, jedenfalls aber aus der früheren Kaiserzeit stammenden
Bau. Um das mit diesem Widerspruch aufgerissene Problem zu lösen,
gab es das einzige Mittel, durch Ausgrabung den Zusammenhang zu klä-
ren, in dem die Weinreichungs-Gruppe von Baiae gestanden hat. Diese
Ausgrabung wurde nach langer Vorbereitung erst im Jahre 1981 mög-
lich, und sie ist noch nicht abgeschlossen.

Deswegen können vorerst nur diejenigen Ergebnisse mitgeteilt wer-
den, die für die hier behandelte Frage von ausschlaggebender Bedeu-
tung sind. Dies ist einmal die bereits erwähnte Auffindung einer Statue
des Gottes Dionysos vor der ersten Nische der rechten Wand des Nym-
phäumsaales. Diese Statue bestätigt in unverhoffter Weise den Zusam-
menhang zwischen dem Polyphem-Mythos und dem Gott des Weines,
den wir auch bei den als Brunnenfiguren wiederverwendeten Giebel-
skulpturen von Ephesos und dem Tempel auf dem dortigen Staatsmarkt
gesehen haben. Denn allem Anschein nach waren die Skulpturen ur-
sprünglich für den Giebel dieses Tempels vorgesehen. Da der Tempel in
der Regierungszeit des Triumvirn Marc Anton begonnen wurde, der sich
als neuer Dionysos verehren ließ, kann der Bau nur für Dionysos be-
stimmt gewesen sein. Andererseits ergibt der Polyphem-Mythos als
Giebelthema nur bei einem Dionysos-Tempel einen Sinn. Hier stützt
eins das andere. Die Dionysos-Statue von Baiae ist in diesem Zusam-
Ko fdes menhang eine unerwartete, aber um so willkommenere Bestätigung von

Dionysos aus außen. Durch die in der Herbstkampagne des Jahres 1981 gemachten

demPolyphem- puncje insbesondere die datierbaren Porträtstatuen, bekommt diese Be-
Nymphaum

von Baiae. stätigung zusätzliches Gewicht.

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