Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 202
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Denn eine Frage konnte bis dahin nicht mit Gewißheit beantwortet
werden, und diese Frage ist nicht nebensächlich, sondern es ist die ent-
scheidende historische Frage, wann die Statuen im Nymphäum von
Baiae geschaffen und aufgestellt worden sind. Aufgrund ihres Stiles, der
den Sperlongaskulpturen vergleichbar ist, waren die Skulpturen von
Baiae durch namhafte Forscher vorschlagsweise252 in die eine oder an-
dere Epoche der über zweihundert Jahre langen Zeitspanne zwischen
dem späten Hellenismus und dem hadrianischen Klassizismus datiert
worden. Das zeigt, wie sehr die Wissenschaft bei bestimmten Fragen und
insbesondere bei der Datierung von Kopien und Umbildungen noch im
Dunkeln tappt. Das Glücksgefühl ist schwerlich zu beschreiben, das die
Ausgräber empfinden, wenn sie nicht nur auf einen bedeutenden Fund
stoßen, sondern wenn dieser Fund das Dunkel erhellt und Antwort auf
eine seit langem gestellte Frage gibt, ja wenn ein Fundstück womöglich
den Schlüssel für das eigentliche Problem liefert, um dessentwillen die
Ausgrabung unternommen wurde.

In Baiae fand sich dieser Schlüssel nicht sofort, sondern zunächst
schien jede weitere Entdeckung das ganze Problem noch verwickelter zu
machen. Bald nach der Wiederaufnahme der Unterwasserausgrabung
im September 1981 wurde vor der zweiten Nische der rechten Wand die
Statue eines kleinen Mädchens freigelegt, das im seidigen Haar einen
kostbaren Scheitelschmuck253 trägt. Zwei Reihen großer Perlen, die in
natura einen unermeßlichen Wert haben mußten, und ein aus Edelstein
oder Gold zu denkender rautenförmiger Anhänger über der Stirn ließen
sofort erkennen, daß dieses pausbäckige Mädchen mit den zu einer
Spitze im Nacken herabfallenden Locken und dem faltenreichen von der
linken Schulter herabgeglittenen Gewand dem höchsten gesellschaftli-
chen Stand angehörte. Doch was konnte die Porträtstatue eines fünf-
oder sechsjährigen Mädchens in diesem Zusammenhang bedeuten?

Zum Glück ließ die Antwort auf diese und viele andere Fragen nicht
lange auf sich warten, denn vor der gegenüberliegenden Nische fand sich
parallel vor der Wand mit dem Gesicht nach unten liegend die lebens-
große Statue einer Frau in klassischer Gewandung. Der Oberkopf mit
dem Haarteil ist aus einem gesonderten Stück Marmor gebildet, und in
den Haaren sitzt ein wundervoll gearbeitetes durchbrochenes Diadem
mit stehenden und hängenden Granatapfelblüten auf dem geflochtenen
Reif.254 Oben werden die Blüten von einer feinen Zackenlitze eingefaßt.
In den unversehrten, schönen Gesichtszügen erkannte man sogleich die
eigentümliche Physiognomie der julisch-claudischen Familie wieder.

Aus Staatsräson ließen sich die zahlreichen Mitglieder dieser Familie,
die hundert Jahre über Rom herrschte, alle sehr ähnlich darstellen, als

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