Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 203
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wollten sie keinen Zweifel an der Zugehörigkeit zum Kaiserhaus auf-
kommen lassen. Zur Unterscheidung der einzelnen Familienmitglieder
hatte man jedoch für die allenthalben aufgestellten Bildnisse charakteri-
stische Identifizierungsmerkmale festgelegt, die es erlauben, eine Bild-
nisstatue auch dann richtig zu benennen, wenn eine tatsächliche Ähn-
lichkeit mit dem Dargestellten nicht auszumachen ist. So kann man auch
bei dieser Frau nicht mit Gewißheit sagen, ob sie wirklich so aussah, wie
dieses edle Damengesicht sie darstellt, mit schmaler langer Nase, die un-
ten leicht verdickt ist, mit einem Hauch von Bitterkeit um den zarten
Mund und mit zurücktretendem, sich verschmälerndem Untergesicht,
das durch ein kleines, aber eigenwilliges Kinn und eine tiefe Einziehung
unter der dünnen Unterlippe gekennzeichnet ist. Die achtzehn anderen
bekannten Bildnisse dieser Frau255, von denen allerdings bei keinem
einzigen die Nase erhalten ist, stimmen nur in den allgemeinsten Zügen
mit diesem idealtypischen Antlitz einer julisch-claudischen Kaiserin
überein.

Die insgesamt 19 erhaltenen Bildnisse lassen sich nur aufgrund un-
mißverständlicher Frisurmerkmale im Vergleich zu den beschrifteten
Münzbildnissen eindeutig identifizieren. In den Haaren, die von einem
Mittelscheitel aus in weichen Wellen zur Seite gestrichen sind und hinten
in einem Nackenknoten256 zusammenkommen, ist vor dem Diadem ein
runder Haarreif verborgen, der nur über der Stirnmitte aus der Haarfülle
hervorschaut. Als weiteres Merkmal trägt die vornehme Dame vor den
Ohren an den Schläfen zwei mit der Brennschere aufgedrehte Locken.
Diese Eigenart der Frisur hat ihrem bekanntesten Porträttypus den Na-
men »Schläfenlockentypus« gegeben. Es ist Antonia Minor, die Mutter
des Kaisers Claudius.

In Baiae ist sie als Venus Genetrix, das heißt als eine Verkörperung
Aphrodites dargestellt, die als Geliebte des Trojaners Anchises und
Mutter des Aeneas durch dessen Sohn Julus Ascanius Stamm-Mutter
des julischen Hauses wurde. Caesar hatte dieser Stamm-Mutter, deren
Kult ihn selbst als Abkömmling der Götter dastehen ließ, am Vorabend
der Schlacht von Pharsalus 48 v. Chr. einen Tempel in Rom gelobt, den
sein Adoptivsohn Augustus vollendete.257 Da Antonia Minor als Toch-
ter der Augustusschwester Octavia Trägerin julischen Blutes war, re-
präsentierte sie für Kaiser Claudius und seine Nachkommen die Venus
Genitrix. Man hatte deshalb für dieses einzige bisher bekannte Standbild
der Antonia Minor - alle übrigen Bildnisse sind nur als Köpfe oder Bü-
sten überliefert — den Typus einer klassischen Gewandstatue, und zwar
einer Weiterbildung der berühmten Kore Albani258 aus dem Kreis des
Phidias gewählt und ließ sie auf dem Handteller der vorgestreckten

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