Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 207
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Antonia Minor war die 36 v. Chr. geborene jüngere Tochter des Trium-
virn Marcus Antonius, der im Zusammenhang mit dem Polyphem-Gie-
bel und dem unvollendeten Dionysos-Tempel von Ephesos zu nennen
war. Ihre Mutter war Octavia, die Schwester des Kaisers Augustus, dem
nach der Niederlage und dem Tode Marc Antons wahrscheinlich der als
Dionysos-Heiligtum geplante Tempel auf dem Staatsmarkt von Ephesos
geweiht worden ist. Antonia wurde 16 v. Chr. mit Drusus vermählt und
war somit die Schwägerin des späteren Kaisers Tiberius, den sie in letzter
Minute vor den Umtrieben Sejans gewarnt hat, so daß Tiberius ihn mit
einer den Trugreden des Odysseus vergleichbaren Anklage im Senat li-
quidieren konnte.

Vor allem aber war Antonia Minor die Frau, durch die sich das juli-
sche Blut mit dem claudischen mischte. Denn nicht ein Nachkomme des
Tiberius, sondern ihr Enkel Caligula und nach diesem ihr Sohn Claudius
waren es, die die Dynastie fortführten. Aus der Ehe mit dem jüngeren
Bruder des Tiberius, Drusus, war eine der anziehendsten Persönlichkei-
ten der ganzen Dynastie hervorgegangen, Germanicus, der starb, als die
Mutter 65 Jahre alt war. Sie erzog dessen Sohn Caligula, der sie, nach-
dem er 37 n. Chr. Kaiser geworden war, zunächst zur Augusta erhoben
hatte, wenig später jedoch in den Selbstmord trieb, weil sie sich dem Lie-
besverhältnis des Enkels mit seiner eigenen Schwester Drusilla wider-
setzte. Sie starb am 1. Mai 37 n. Chr.

Vier Jahre später wurde ihr Sohn Claudius, der Onkel Caligulas, Kai-
ser. Die Statue der Antonia Augusta in Baiae kann erst nach der Thron-
besteigung ihres Sohnes entstanden sein. Das kostbare Diadem kenn-
zeichnet sie als Augusta.260 In der kurzen Zeit zwischen ihrer Erhebung
zur Augusta nach dem 16. März 37 und ihrem Tod am 1. Mai desselben
Jahres kann die Statue schwerlich entstanden sein. Erst, als ihr Sohn Kai-
ser wurde, erhielt auch sie wieder die Ehre, auf Münzen geprägt zu wer-
den. Doch diese Münzen liefen bald nach der fünften im Jahre 49 n. Chr.
erfolgten Eheschließung ihres Sohnes mit seiner Nichte Agrippina, einer
Schwester Caligulas, aus.261 Danach gab es keinen Anlaß mehr für die
Errichtung von Statuen der Antonia Augusta. Das heißt, daß die Statue
von Baiae sich in den engen Zeitraum von 41-48/49 n. Chr. datieren
läßt.

In dieser Zeit lebte am kaiserlichen Hof nur eine einzige Prinzessin,
die man der vergöttlichten Kaiserinmutter gegenüber hätte aufstellen
können, nämlich Octavia Claudia262, die 39 oder 40 n. Chr. geborene
Tochter des Claudius aus seiner Ehe mit Messalina. Es liegt daher nahe,
in der Statue des 5- oder 6jährigen Mädchens Octavia Claudia zu erken-
nen. Allerdings könnte man gegen eine solche naheliegende Benennung

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