Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 208
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einwenden, daß dann neben einer Götterstatue und neben der Statue
eines verstorbenen, den Göttern angeglichenen Mitglieds der Kaiserfa-
milie ein noch lebendes Kind dargestellt wäre. Das ist zwar keineswegs
unmöglich. Die Nebeneinanderstellung verstorbener und lebender Mit-
glieder der Kaiserfamilie in Porträtgruppen dieser Zeit war sogar gang
und gäbe. Es ist aber methodisch richtiger, den Gedankengang nicht mit
der Unsicherheit der Benennung dieser Mädchenstatue zu belasten.

Wichtiger ist es, die Erkenntnis auszuwerten, daß mit der Statue der
Antonia Augusta endlich ein unbezweifelbares historisches Datum für
den Statuenschmuck des Nymphäums von Baiae gefunden wurde. Es
läßt sich nämlich zeigen, daß alle bisher gefundenen Statuen, also der
Odysseus, der Weinschlauchträger, der jugendliche Dionysos, das Mäd-
chen mit dem Scheitelschmuck und die Statue der Antonia Minor als
Venus Genitrix trotz ihrer recht verschiedenen Gestalt durch die gleiche
Stückungstechnik, durch übereinstimmende Bearbeitungsspuren und
evidente stilistische Details aufs engste miteinander verbunden sind.

Hervorgehoben sei eine Eigenart, die den drei gewandeten Skulptu-
ren gemeinsam ist, obwohl Antonia einen klassischen, das Mädchen ei-
nen frühhellenistischen und der Odysseus einen hochhellenistischen Ty-
pus wiedergeben. Gemeint ist der etwa einen halben Zentimeter breite
Randschlag am Gewandstoff, der die dichtere und deshalb flachere
Webkante, das sogenannte Salband wiedergibt. Die gleiche charakteri-
stische Bearbeitungsweise zeigt auch das Gewand über dem Pfeiler, der
dem jugendlichen Dionysos, einem praxitelischen Typus, als Stütze
dient. Genauere Betrachtung aus der Nähe offenbart eine Fülle von
Übereinstimmungen in der Marmorarbeit bei allen fünf Skulpturen.
Man muß diese deshalb als das Werk eines einzigen kaiserzeitlichen
Bildhauerateliers ansehen, das auf die Fertigung von Kopien und Um-
bildungen griechischer Originalschöpfungen ebenso wie auf die Schaf-
fung römischer Porträtköpfe spezialisiert war.

Auf welche Weise solche Werkstätten sich ihre Vorbilder verschaff-
ten, kann die einzigartige Kollektion von Gipsabgüssen griechischer
Meisterwerke263 zeigen, die in einer Bildhauerwerkstatt in Baiae gefun-
den wurde und deren Veröffentlichung Christa v. Hees vorbereitet. Die
Vorbilder wurden in Gips abgeformt, und danach wurden die Kopien
mit Hilfe der Dreipunktmethode, die Umbildungen und Porträts hinge-
gen entweder nach eigenen Gipsmodellen oder sogar aus freier Hand
gearbeitet. Die bildhauerische Leistung war die eines Virtuosen, der die
zumeist in Bronze gegossenen Vorbilder in Marmor nachzubilden ver-
mochte. Bei diesem Vorgang wurden die aus verschiedenen Stilepochen
stammenden Typen durch die gleiche Oberflächenbehandlung ver-

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