Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 212
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drei Seiten umlaufende Wasserbecken wird durch ein in Form eines vorn
offenen Karrees in den Saal geschobenes Podium von 2 m Breite abge-
teilt, auf dem rechts und links hohe Marmorlehnen von Ruhebetten ste-
hen. Sie wurden bisher nur angeschnitten, aber noch nicht freigelegt.
Auch der Boden des Saales zwischen den Flügeln des Podiums wurde
noch nicht erreicht. Nach der Analogie eines ähnlich eingerichteten
Nymphäumssaales in der römischen Villa von Minori267 dürfte er etwa
80 cm tiefer gelegen haben.

Auch der im ganzen wesentlich kleinere und schlichtere Nym-
phäumssaal von Minori, der weder eine Apsis noch Nischen in den
Wänden aufweist, besitzt ein an den Längswänden und an der Stirnseite
umlaufendes Wasserbecken. Das 80 cm hohe Podium, das an den Innen-
seiten der beiden Flügel rechts und links fünf Vorsprünge mit Aufstell-
flächen für Speise- und Trinkgeschirr bietet, hat auf jeder Seite eine
10 m lange, 1,20 m breite, bis auf den Boden reichende Vertiefung, de-
ren Wandung mit einem Rautenmuster bemalt ist. Es handelt sich also
nicht um weitere Wasserbecken. Wozu diese Vertiefungen gedient ha-
ben, dafür geben die Marmorklinen auf dem massiven Podium von Baiae
einen Hinweis. Man muß annehmen, daß auch die Anlage von Minori als
Nymphäumstriklinium gedient hat. Nun würden in die Vertiefungen des
Podiums entsprechend zu den Speisetischen genau je fünf 2 m lange und
1,20 m breite Ruhebetten aus Holz mit Bronzebeschlägen passen. Stellt
man diese in den Vertiefungen auf, dann gleicht die Anlage weitgehend
dem Nymphäumstriklinium von Baiae. Während die Klinen dort aber
aus Marmor bestehen und auf dem massiven Podium fest aufgestellt
sind, konnte man die hölzernen Klinen von Minori in den feuchten Win-
termonaten aus dem hohlen Podium herausnehmen und trocken aufbe-
wahren.

Bei einer solchen Interpretation erklären sich die Nymphäumstrikli-
nien von Baiae und Minori gegenseitig. In der Privatvilla von Minori ist
jedoch alles weit weniger prächtig. Die Wände waren nur bemalt, die
Rückwand schließt gerade ab, und wo in Baiae die großen Skulpturen-
gruppe steht, ist hier eine Wassertreppe angelegt, über die das Wasser
aus dem Berghang, an den die Villa gelehnt ist, in das karreeförmige
Becken um das Trikliniumspodium strömt.

In Baiae dienten der Odysseus und der Weinschlauchträger als Was-
serspeier. Die unvergleichliche Pracht der Ausstattung des dortigen rie-
sigen Saales, demgegenüber das Nymphäumstriklinium selbst in der au-
ßerordentlich reichen Villa von Minori unbedeutend erscheint, spricht
noch einmal dafür, daß die Anlage von Baiae Teil des kaiserlichen Pala-
tiums war, das auch Praetorium Baianum268 genannt wurde und wegen

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