Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 213
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des milden Klimas, der heilkräftigen warmen Quellen und der Schönheit
der Landschaft, in der Vorgebirge, Meer und waldreiche, hügelige Ufer-
gelände mit blauen Seen sich durchdringen, als Luxusquartier der römi-
schen Kaiser fern von der lauten und heißen Hauptstadt beliebt war.

Wegen der Datierung der Anlage aufgrund der Mauertechnik und
wegen der in die Jahre 41 bis 48 n. Chr. datierbaren Skulpturenausstat-
tung, deren Entstehung sich, wenn das Mädchen Octavia Claudia sein
sollte, sogar auf die Mitte der vierziger Jahre eingrenzen läßt, kann die
Anlage nur im Palast des Kaisers Claudius gelegen haben. Dieser Kaiser
hielt sich mit seinem Hofstaat und dem aus Freigelassenen bestehenden
Kabinett besonders gerne in Baiae auf.269

Allerdings haben die Marmorlehnen des Trikliniums eine sehr hohe,
steile Form, wie man sie von datierten Beispielen bisher erst aus dem
2. Jahrhundert n. Chr. und später kennt.270 Wenn man jedoch in der
schaurigen Beschreibung von Neros erstem Versuch, die eigene Mutter
im Jahre 54 durch ein tückisch inszeniertes Schiffsunglück ums Leben zu
bringen, bei Tacitus271 liest, daß Agrippina nur deshalb dem sicheren
Tod noch einmal entkommen konnte, weil die hohen Lehnen des Ruhe-
bettes, auf dem sie lag, die Last des mit Blei stark beschwerten Kajüten-
daches aushielten, welches man, einen Unfall vortäuschend, auf sie stür-
zen ließ, dann muß man annehmen, daß es auch zu dieser Zeit schon
hohe Klinenlehnen gab.

Auch wenn eine Fülle von Fragen noch offen ist, zum Beispiel, warum
von den Statuen, die in den Nischen der Westwand gestanden haben
müssen, nur diejenige Antonias gefunden wurde, was mit der Poly-
phem-Figur geschehen ist, wann der große Bogeneingang des Saales im
Süden und die beiden seitlichen Türen in der jeweils fünften Nische zu-
gemauert wurden und überhaupt, welches die späteren Schicksale des
Nymphäumstrikliniums waren, so darf man doch jetzt schon sagen, es
spricht vieles dafür, daß die Anlage von Baiae ein Teil des dortigen
Claudiuspalastes war und daß der Kaiser hier oft zu Tische gelegen hat,
umgeben von den Bildnissen seiner Familie und angesichts einer Dar-
stellung des Polyphem-Mythos, den sein Großvater Marcus Antonius
schon als Giebelschmuck für den Dionysos-Tempel von Ephesos ge-
wählt hatte und den sein Onkel und Vorgänger Tiberius in anderer und
doch verwandter Weise in Sperlonga hatte darstellen lassen.

Im Polyphem-Nymphäum von Baiae wird das fehlende Glied der
Entwicklungskette eines römischen Bautypus kenntlich, den man als
Antrum Cyclopis, d. h. Kyklopenhöhle, bezeichnen könnte. Einen Bau
dieses Namens führt ein Verzeichnis der bedeutenden Bauwerke der
Hauptstadt aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. in der 1. Region Roms,

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