Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 215
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Bassin in der Höhle zu dem rechteckigen vor der Höhle erweitert, wird
reduziert auf das Becken vor der Apsis und auf die an den Seitenwänden
entlanglaufenden Kanäle, das Inseltriklinium wird in das Podium für die
Marmorklinen verwandelt. Um den höhlenartigen Eindruck des ganzen
zu erhalten, werden die Apsis, das Gewölbe und die Nischen der Seiten-
wände mit künstlichem Grottenwerk verkleidet. Eine Vorstellung von
der Wirkung des Ganzen kann das sogenannte Ninfeo Bergantino in der
Domitians-Villa am Albaner See vermitteln.

Bevor wir uns diesem zuwenden, seien aber zunächst die dem Nym-
phäum claudischer Zeit zeitlich näher gelegenen Vorformen und Wei-
terbildungen herangezogen. In der Grotta di Matromania276 auf der In-
sel Capri ist der Typus einer künstlich egalisierten, einem Apsidensaal
angeglichenen, aber in den gewachsenen Felsen getriebenen Grotte er-
halten. Wie die Höhle von Sperlonga und das Nymphäum von Baiae ist
sie mit künstlichem Grottenwerk und muschelumrahmtem Mosaik aus-
gekleidet. Von ihrer figürlichen Ausstattung ist nichts erhalten. Man
weiß also nicht, ob sie etwa auch ein Antrum Cyclopis war. Aber von die-
ser Anlage war es kein weiter Schritt bis zur Errichtung einer künstlichen
Höhle aus Mauerwerk, wie sie in Baiae vor Augen steht.

Im Goldenen Haus des Kaisers Nero inmitten der Großstadt Rom
wurde der Bautypus noch weiter zu einem rein künstlichen Gebilde um-
gestaltet.277 Hier lag an der Stirnseite eines riesigen Saales ein nahezu
quadratischer Raum mit auch immerhin noch 9 m Seitenlänge, dessen
10,20 m hohes Tonnengewölbe mit sienafarbenem, in einen Goldton
hinüberspielenden Bimssteinstuck verkleidet war. Die Wände des Rau-
mes, in denen sich auf jeder Seite nicht etwa Nischen befanden, sondern
je drei Fenster auf einen dahinter entlang führenden Gang öffneten, wa-
ren unten mit Marmorplatten inkrustiert und darüber mit buntem Mo-
saik überzogen, das wie in Sperlonga, Capri, Baiae und andernorts, zum
Beispiel in Pompeji und Herculanum, mit einem Rahmen aus Muscheln
eingefaßt war.278

Die Polyphem-Darstellung dieses mit einer Wassertreppe an der
Rückwand versehenen prächtigen Nymphäums befand sich in dem
schon früher erwähnten 2,40 m breiten Scheitelmosaik279 aus Glasstei-
nen, die Bronzepatina nachahmen. Mit dem achteckigen Scheitelmosaik
korrespondierten vier kleinere Medaillons in den Ecken des Tonnenge-
wölbes, die aber leider ihren Mosaikschmuck verloren haben. Ursprüng-
lich muß das Glitzern der Mosaiken in dem von den Seiten und von der
Eingangswand hereinfallenden indirekten Licht, das die Wasserspiele
aufblitzen ließ, im Zusammenwirken mit der mehrschichtigen Architek-
tur den Eindruck der Irrealität noch verstärkt haben. In diesem Nym-

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