Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 219
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stere heute am Eingang der großen Kryptoportikus, die letztere in der-
selben aufbewahrt wird.

Angesichts dieser Figuren ist daran zu erinnern, daß der Hofdichter
Domitians, Martial, im 38. Epigramm seines 7. Gedichtbandes von den
Polyphem- und Skylla-Gestalten eines gewissen Severus spricht:281
»Riesig und furchtbar bist, Polyphem du, meines Severus,

daß dich auch der Kyklop selber nur anstaunen kann.

Und auch Skylla nicht minder. Fügt man die beiden zusammen,

flößte die eine gewiß Furcht dem anderen ein.«

Sollte dieser Severus der Bildhauer sein, der die Skulpturen aus dem
Ninfeo Bergantino nach hellenistischen Vorbildern gearbeitet hat?
Wäre dem nicht so, müßte man annehmen, daß auch Privatleute dieser
Zeit die Kaiser nachahmten und solche Skulpturen aufstellen ließen.
Bedenkt man die Größe der Anlage, die für eine solche Aufstellung
notwendig war, so ist das eher unwahrscheinlich.

Wenn der schematische Grundriß des Höhlenbaus am Albaner See
zutrifft, der bei den ersten flüchtigen Ausgrabungen von Giovanni Me-
rolli 1841282 angefertigt wurde, dann war in der Mitte des höhlenartigen
Raumes ein rundes Becken, in dem, etwas exzentrisch nach Westen ver-
schoben, ein runder Sockel für die Skylla-Gruppe stand. Im Hintergrund
liegt, ähnlich wie in Sperlonga, ein über ein Treppchen zu erreichendes
Podium, einer Bühne vergleichbar. Hier würde man gern die Poly-
phem-Skulptur anordnen, doch gibt es dafür keinen sicheren Anhalts-
punkt, ebensowenig wie für die Gruppengestaltung, deren Teil sie war.

Der Riese auf diesem
Relief einer etruskischen
Urne des 2. Jahrhun-
derts V. Chr. liegt in ähn-
licher Haltung am
Boden wie der Polyphem
von Castel Gandolfo
und wird mit einem
schräg von oben herab-
gestoßenen Pfahl
geblendet.

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