Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 225
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Doch in dem heutigen Zustand, wo zwar die Karyatiden und Silene
am Westrand des Beckens und die Säulenordnung mit ihrer rhythmi-
schen Travee und den klassischen Statuen in den Interkolummien am
Nordende in Zementgüssen wieder aufgestellt sind, fehlt dem sich dar-
bietenden Bild das zentrale Motiv. Man erkennt noch, daß in der Achse
des Beckens sowohl im Norden wie im Süden, in gleichem Abstand vom
Beckenende je ein aufgemauerter Würfel steht, doch was diese bis zum
Wasserspiegel reichenden Basen getragen haben, erfährt der Besucher
nicht. Bei den Ausgrabungen der Jahre 1954 und 1955 war am Fuß des
südlichen Sockels eine zylindrische Marmorbasis gefunden worden, die
in Relief mit Meereswellen und allerlei Seegetier verziert ist. Der obere
Ansatz ist völlig zerschlagen, so daß nicht sofort auszumachen war, was
dieses Gebilde getragen hatte. Doch war kaum ein Zweifel möglich;
denn auf der Nordseite des Würfelsockels lag auf dem Rücken der
Oberkörper eines nackten Weibes mit knappen Brüsten auf dem musku-
lösen Thorax. Auf ihre Schultern fällt halblanges, feucht-strähniges
Haar. Den rechten Arm reckt sie nach oben, den linken streckt sie schräg
nach unten. Auf dem Rücken sitzt ein vierkantiger Marmorpuntello,
der, wie aus Vergleichsbeispielen hervorgeht, ein Steuerruder gehalten
hat, welches das Weib in der Rechten schwingt.

Es ist Skylla, das grauenvolle Untier, das der Dichter der Odyssee wie
eine Riesenkrake beschreibt und das die bildenden Künstler seit dem
5. Jahrhundert v. Chr. als ein Mischwesen mit weiblichem Oberkörper,
mit Fischschwänzen und unter einem Flossenschurz aus dem Unterleib
hervorwachsenden Hundeleibern dargestellt haben, so wie auch Vergil
in der Zeit des Kaisers Augustus Skylla schildert.291 Als das Schiff des
Odysseus, um dem Strudel der Charybdis zu entgehen, dicht unter ihrem
Felsen vorbeisegeln muß, reißt sie sechs der Gefährten heraus und wirft
sie den Hunden zum Fraß hin.

Zahlreiche grausam zerschlagene Fragmente, die rings um den Wür-
felsockel gefunden wurden, beweisen, daß die Szene in der Gruppe, die
ursprünglich die zylindrische Basis auf dem Würfelsockel bekrönte, ganz
ähnlich gestaltet war, wie sie zum Beispiel schon das oben erwähnte
Spiegelrelief in Berlin wiedergibt.292 Soweit schien der Fund der Frag-
mente einer solchen Gruppe in der Villa Hadriana unproblematisch,
wenn das Werk auch so weitgehend zertrümmert war, daß ein Rekon-
struktionsversuch kaum Aussicht auf Erfolg hatte.

Allerdings gab es zwei Punkte, die sich nicht so einfach erklären lie-
ßen, sondern die möglicherweise zu erheblichen Konsequenzen führen
mußten.

Der eine beunruhigende Punkt ist die Tatsache, daß die Teile der

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