Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 232
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An Gefährtentorsen sind nur fünf verschiedene erhalten, davon der
eine im Museum Torlonia und in Palermo doppelt, aber aus den erhal-
tenen Händen, Armen, Beinen, Füßen und Köpfen, von denen der am
Schopf gepackte ebenfalls zweifach vorhanden ist, läßt sich errechnen,
daß ursprünglich wenigstens zehn, d. h. zweimal fünf Gefährten des
Odysseus vorhanden gewesen sein müssen. Vom Kopf und vom Ober-
körper der Skylla ist jeweils nur ein Fragment vorhanden, aber vom
Rand des Flossenschurzes, in den der Oberkörper offenbar ähnlich ein-
gelassen war, wie bei der Skulptur in Castel Gandolfo, gibt es so viele
Fragmente, daß sie zu mehr als einer Skylla gehört haben müssen.

Die Zahl der erhaltenen Fragmente und ihr Aussagewert sind also
nicht gering. Gleichwohl wäre die Ausgangslage für einen Rekonstruk-
tionsversuch ziemlich verzweifelt, wenn nicht andere Zeugnisse zu Hilfe
kämen. Im wesentlichen handelt es sich dabei um zwei dekorative Plasti-
ken im Statuettenformat, welche offensichtlich auf das gleiche Vorbild
zurückgehen, dieses aber verkleinern und auch nur im Auszug wieder-
geben, aber dabei den Gesamtzusammenhang der einzelnen Kompo-
nenten bewahrt haben.

Das eine ist ein Brunnenaufsatz, der durch den Kunsthandel ins
Ashmolean Museum in Oxford300 gelangt ist. Skylla hat hier nur drei
Hundeköpfe, je einen auf den Flanken und einen auf der Mitte des Bau-
ches, von denen jeder einen Griechen angefallen hat. Die Bewegung die-
ser Figuren stimmt nun in erstaunlicher Weise mit den Motiven von drei
Odysseus-Gefährten aus der Villa Hadriana überein, soweit diese sich
anhand der Fragmente erschließen lassen.

Im Vergleich zur Brunnengruppe von Oxford lassen sich die Frag-
mente in der Villa Hadriana und in den anderen genannten Museen da-
her folgendermaßen zusammenfügen: Skylla hat mit der Linken einen
Gefährten am Schopf gepackt und hält den heftig zappelnden Mann, der
mit der Linken nach ihrem Unterarm greift, dem Hund an ihrer linken
Flanke hin. Dieser schlägt dem Unglücklichen die Zähne in die rechte
Schulter, packt ihn mit der linken Pranke an der Hüfte und holt den nach
vorne rudernden Arm mit der anderen Pranke heran.

Der zweite Gefährte, in den Repliken im Museum Torlonia und in
Palermo erhalten, liegt quer vor dem nächsten Hund, der ihn, nach unten
fahrend, mit beiden Pranken heranzerrt und ihm in die Flanke beißt.
Diese Figur ist in der Oxforder Brunnengruppe in die Mitte der Skylla-
Figur gerückt worden, als der Bildhauer die fünf Hundevorderkörper
des Vorbildes auf drei reduzierte.

Für den mittleren Hund der hadrianischen Skylla bietet sich ein ein-
zeln erhaltener Hundekopf an, bei dem der Hals in eigentümlicher

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