Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 236
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ziehen. Die beiden diagonal angeordneten Hunde fahren nach unten
und holen mit den Pranken die rollenden Leiber ihrer Opfer heran. Der
mittlere Hund hat vielleicht nur ein abgerissenes Glied im Maul, jeden-
falls ist ihm nicht eine ganze Figur zuzuordnen. Eine solche hängt aber in
den hochgeringelten Fischschwänzen.

Das Auf und Ab der Hundeleiber, die in ihren Fängen zappelnde
Menschlein halten, und vor allem die heftig aus dem Kreis der mörderi-
schen Tiere herausfahrende Bewegung Skyllas sind im Sinn hellenisti-
scher Genauigkeit und Variationsfreude mit räumlich ausgreifender
Beweglichkeit gestaltet.

Der Versuch, die Erkenntnisse über das ursprüngliche Aussehen der
fragmentierten Gruppe in einer plastischen Rekonstruktion anschaulich
zu machen, findet eine gewisse Bestätigung durch die erstaunliche Über-
einstimmung mit der nunmehr zum Vergleich heranzuziehenden Skyl-
la-Darstellung an der Kante eines marmornen Tischfußes aus der Villa
Hadriana, jetzt im Nationalmuseum in Neapel.301 Diese Skylla ist fast
vollständig erhalten. Einige Ergänzungen im Gesicht und an der rechten
Hand des Ungeheuers, das fehlende Steurruder, dessen Ansatzstellen an
der Wandung des Tischfußes noch zu sehen sind, Skyllas abgebrochene
Linke sowie einige weitere Verletzungen beeinträchtigen den Gesamt-
eindruck kaum. Schon der erste Blick läßt eine grundsätzliche Ver-
wandtschaft zwischen dieser Darstellung und der aus den Fragmenten
der Villa Hadriana erschlossenen Komposition erkennen.

Die Übereinstimmung geht über eine äußerliche, thematisch be-
stimmte Ähnlichkeit entschieden hinaus: Nahezu gleich ist die Bewe-
gung des Oberkörpers und der beiden Arme Skyllas. Der rechte
schwingt das Steuerruder überm Kopf, das Skylla aus dem Schiff des
Odysseus gerissen hat. Der linke Arm ist abwärts gestreckt. Wie es zur
Anordnung der beiden übereinander liegenden Gefährten unter dem
mittleren Hundekopf gekommen ist, kann man verstehen, wenn man
sich den Vorgang der Umsetzung eines Vorbildes von der Art der rekon-
struierten Skylla-Gruppe in den Schmuck eines Tischfußes klarzuma-
chen versucht.

Ein allseitig plastisch ausgeformtes, radial aufgebautes Gebilde
mußte der Vorderkante einer schmalen, nach hinten langrechteckigen
Marmorwand angepaßt werden. Dabei wurde der Kopf Skyllas en face
gewendet. Da sich in der für den Tischfuß verkürzten Form an den Flan-
ken weder der Gefährte unterbringen ließ, der in den Fängen eines Hun-
des hängt, noch der Gefährte, den sie mit der Linken am Schopf ergreift,
war eine Kopfwendung Skyllas auch nicht mehr erforderlich. Der rechte
Arm wurde so weit nach oben gebogen, daß er nicht aus den schmalen

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