Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 247
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rende Interpretation ansehen muß. Mit anderen Worten, man darf nicht
etwa annehmen, daß dem Dichter, als er um 700 v. Chr. die Gestalt sei-
nes Titelhelden formte, ein solches Bild vor dem inneren Auge gestan-
den hätte. Vielmehr sind alle Versuche, das dichterische Bild in ein an-
schauliches Kunstwerk umzusetzen, an eine bestimmte historische Si-
tuation gebunden.

Vielleicht wird deutlicher, was damit gemeint ist, wenn man die Bil-
der der beiden anderen mythischen Helden heranzieht, die als Gegen-
bild des Odysseus angesehen werden können. Der eine ist Achill, der
Held der Ilias, der andere Laokoon, der an der List des Odysseus zu-
grunde gegangen ist.

Das gültige Bild Achills, die efigies achillea, hat nach einem von Pli-
nius306 überlieferten Kunsturteil die klassische Kunst im Kanon Poly-
klets, der berühmten Statue des Doryphoros, des Speerträgers, geschaf-
fen. In der Form dieses >Stand<bildes hätte die bewegliche Gestalt des
Odysseus schwerlich so treffend verwirklicht werden können wie in den
dynamischen, zentripetalen oder zentrifugalen Skulpturen der helleni-
stischen Kunst. Die Beweglichkeit und Geschmeidigkeit, die Dynamik
und Ambivalenz der Odysseus-Gestalt verlangten nach einem Aus-
druck, den erst die hellenistische Kunst gesucht und gefunden hat.

Diese Kunst hat aber auch im Laokoon, dem anderen mythischen
Helden, um dessen Bild dieses Buch kreist, den Ausdruck für einen
Menschen gestaltet, der, in ganz anderem Sinn als Odysseus zu Achill,
das Gegenbild zu dem in Odysseus selbst verkörperten Menschenbild
wurde. Dabei ist weniger daran gedacht, daß Odysseus mit der Erfin-
dung des hölzernen Pferdes den Tod Laokoons heraufbeschworen hat. s- 24f!9 , . ,

" Der Vergleich

Das wäre eine vordergründige Betrachtungsweise. Es geht vielmehr der Köpfe des

darum, daß Laokoon das Opfer eines unverstandenen göttlichen Willens Odysseus von

r . bpertonga und

ist, gegen den er sich nur durch Erleiden, durch eine ohnmächtige, aber des Laokoon

um so tiefer erschütternde Anklage wehren kann. zf}&> d"ß

a . diese Marmor-

Besonders bemerkenswert daran ist, daß es nicht nur Künstler des kopienzwarim

gleichen engen Kulturkreises waren, die diese beiden Werke geschaffen, jj^dhauer

sondern auch, viele Generationen später, die Künstler eines einzigen ateliergear-

Bildhauerateliers, die sie für die Nachkommen zusammengetragen und b^i!A'ur.dfn'

° ° daß die dahin-

kopiert haben. Erst in Sperlonga wird ja der Zusammenhang zwischen terstehenden

Laokoon- und Odysseus-Bild greifbar und durch die Bildhauersignatur Originale aber

■>e o von verschte-

der Rhodier bestätigt. Die Frage ist, ob dieser Zusammenhang schon ur- denen Meistern

sprünglich bestand, ob also der Odysseus der Polyphem-Gruppe und der ^7™"

Laokoon am Ende gar schon als Schöpfungen (und nicht erst als Kopien) Laokoon als

das Werk des oder der gleichen Bildhauer waren. ein Gegenbild

° zu Odysseus zu

Für eine solche Annahme ergibt der Vergleich zwischen der Poly- verstehen ist.

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