Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 250
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1982/0254
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
phem-Gruppe und der Laokoon-Gruppe, die nur in den Kunstsamm-
lungen der Ruhr-Universität Bochum im Abguß nebeneinander ste-
hen307, keinen sicheren Anhaltspunkt. Besonders wenn man die enge
stilistische Übereinstimmung bedenkt, die etwa zwischen dem Kopf des
Gefährten am Pfahlende aus der Polyphem-Gruppe mit dem Menelaos
der Pasquino-Gruppe und darüber hinaus die enge Verwandtschaft zwi-
schen den beiden Gruppen in kompositioneller Beziehung ins Auge faßt.

Der auffälligste Unterschied zwischen dem Odysseus der Poly-
phem-Gruppe und dem Kopf des Laokoon ist der, daß bei diesem der
innere Aufbau, das Knochengerüst mit seinem strukturell rechtwinkli-
gen Verhältnis von Augen, Nase und Mundöffnung in Bewegung gera-
ten ist. Der Bildhauer kann zur Steigerung der Ausdrucksintensität den
Zusammenhang der einzelnen Teile des Gesichtes wie bei einer knet-
baren Masse auflösen und verformen. Das ist ein struktureller Unter-
schied, der über die ganz andersartige Anlage der Haare, der Brauen-
bögen, der Lidränder, des Nasenansatzes noch hinausgeht und verschie-
dene auch zeitlich voneinander getrennte Schöpferpersönlichkeiten
hinter den beiden Skulpturen vermuten läßt. Was den Stilunterschied
betrifft, so ist am auffälligsten die andere Formel für die Darstellung der
Haare, die beim Odysseus kantig und strähnig gebildet sind, beim Lao-
koon hingegen rund und wulstig. Im Gegensatz dazu sind die Brauen
beim Laokoon als scharfer Grat, beim Odysseus als ein durch die Haut
und die dünne Muskulatur sich durchdrückender Rand des Schädelkno-
chens über der Augenhöhle gebildet. Am stärksten verwandt sind die
vollen halbgeöffneten Lippen, die aber ein allgemeines Merkmal bärti-
ger Männergesichter der Kunst im engeren oder weiteren Umkreis des
Pergamon-Altares sind.

Wurden die Laokoon-Gruppe und die großen mythologischen Grup-
pen von Sperlonga also im gleichen Bildhaueratelier in der Zeit des Kai-
sers Tiberius aus dem Marmor geschlagen, so spricht doch alles dagegen,
daß die Urbilder dieser Gruppen schon von ein und demselben Künstler
erfunden wurden. Nur die Polyphem-Gruppe und die Menelaos-Patrok-
los-Gruppe könnten auf den gleichen Schöpfer zurückgehen308.

Andererseits ist die Laokoon-Gruppe ohne das Vorbild der Poly-
phem-Gruppe undenkbar. Das zeigt die Nebeneinanderstellung der
beiden Gruppen im Abguß sehr deutlich. Die Grundzüge der Lao-
koon-Gruppe mit dem pyramidal zwischen den beiden Flügelfiguren der
Söhne aufragenden Vater ist in der Polyphem-Gruppe bereits vorgebil-
det. Dort finden sich auch Einzelheiten, die erst der Rekonstruktions-
versuch offenbart hat und die in verblüffender Weise die Abhängigkeit
der Laokoon-Gruppe von der Polyphem-Gruppe offenbaren.

250
loading ...