Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 252
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kannt haben, als sie diese beiden Skulpturen, wenn auch offensichtlich
an verschiedenen Orten, des Kopierens für würdig geachtet haben.

Nach der hier vorgetragenen Hypothese kann man das Laokoon-Bild
als eine Antwort auf die Gestaltung des Odysseus-Bildes begreifen. War
im Odysseus das Bild eines sich selbst bestimmenden, nicht mehr
schlechthin dem Schicksal oder dem Willen der Götter unterworfenen
Menschen gestaltet worden, so antwortet der Schöpfer der Laokoon-
Gruppe darauf mit dem Bild eines Menschen, an dem sich, aller prome-
theischen Emanzipation zum Trotz, ein übermächtiges, unverstandenes
Schicksal vollzieht312. Dies sind zwei Extreme menschlicher Handelns-
und Erleidensfähigkeit, deren Grunderfahrungen bereits in der Odyssee
reflektiert wurden, die sich aber erst am Ende der griechischen Kunst
zum anschaulichen Inbegriffbild verdichtet haben und von der römi-
schen Kunst an die europäische und an die Welt weitergegeben wurden.

Zum Schluß wendet sich der Blick noch einmal dem Dichter zu, dem
die Schöpfung dieser mythischen Helden zugeschrieben wird: Homer.
Doch nun geht es um das Bild, das die antike Kunst sich von diesem
Dichter gemacht hat313, von dem »blinden, greisen Sänger aus Chios,
wie er in die Schulbücher eingegangen ist«314. Es gibt einen frühklassi-
schen315 und einen hellenistischen316 Versuch, das Bildnis Homers zu
gestalten. In diesen verschiedenen Bildnisfassungen spiegelt sich die je-
weilige Sicht der Zeitgenossen, die in klassischer Zeit den Homer der II-
lias, in hellenistischer denjenigen der Odyssee bevorzugt haben. Wie
ähnlich der sogenannte hellenistische Blindentypus dem Kopf des Lao-
koon ist, wurde schon oft betont317. Im Lichte der hier erarbeiteten Er-
gebnisse bekommt diese Tatsache ein besonderes Gewicht. Denn nach
übereinstimmender Meinung der Forschung ist der Marmorkopf in Bo-
ston318 die Replik eines Bronzeoriginals der zweiten Hälfte des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. Er vermittelt nicht nur inhaltlich, sondern auch stili-
stisch zwischen dem Kopf des Odysseus von Sperlonga und dem Kopf
des Laokoon. Das Inbegriffbild des Odysseus als kühnen Täters ist eine
Schöpfung des gleichen Jahrhunderts, das auch sein Gegenbild, den ei-
nen ungerechten Tod erleidenden Priester Laokoon, und zugleich das
Bildnis des erleuchteten Dichters selbst gestaltet hat, der diesen Figuren
Leben gab.

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