Andreae, Bernard  
Die Symbolik der Löwenjagd: [d. Vortrag wurde am 23. Mai 1984 in Düsseldorf gehalten] — Opladen, 1985

Seite: 11
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Die Symbolik der Löwenjagd

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nicht mehr in heroischer, dem Hippolytos gemäßer Nacktheit, sondern mit dem
zeitgenössischen Kostüm dargestellt.

Die bedeutungsvollste Veränderung, welche die anderen nach sich zieht, ist aber
die Tatsache, daß das Jagdtier nicht mehr ein Eber, sondern ein von rechts im
Sprung heransetzender Löwe ist. Das durch den Mythos festgelegte Jagdtier ist
durch ein Jagdtier ersetzt worden, das man unter Berücksichtigung des Faktums,
daß der mythische Jäger Hippolytos einem realen Jäger mit individuellen Ge-
sichtszügen gewichen ist, gerne als ein reales Jagdtier ansehen würde. Das aber ist
nicht möglich. Eher könnte der Eber ein reales Jagdtier sein, denn er kam in den
heimischen Fluren Italiens vor und war ein bevorzugtes Wildpret. Der Löwe hin-
gegen war nicht nur ein exotisches Tier. Die Jagd auf dieses Tier war außerdem ein
kaiserliches Regal30. Dabei war es nicht der Sinn des Gesetzes, dem Kaiser von Rom
die Jagd auf dieses gefährliche Wild zu ermöglichen, eine Möglichkeit, von der
romantische Kaiser wie Hadrian, Commodus und Caracalla in der Nachfolge
Alexanders d. Gr. tatsächlich Gebrauch gemacht haben31, sondern es ging darum,
die kaiserlichen Spiele durch den Auftritt von Löwen in der Arena vor den durch
andere Persönlichkeiten veranstalteten Circusspielen auszuzeichnen und die Mög-
lichkeit zu sichern, daß dem Kaiser für diese Gelegenheiten Löwen zur Verfügung
standen. Denn Löwen waren schon im 3. Jahrhundert n.Chr. seltene und kostbare
Tiere, deren Fang und Verschiffung nach Rom hohe Summen verschlang.

Der Besitz und die Jagd auf Löwen war aber auch in der Nachfolge der altorien-
talischen und hellenistischen Könige ein kaiserliches Regal, weil der Löwe als
königliches Wappentier galt32. So hatten Hadrian und Commodus Medaillen
prägen lassen, auf denen sie selbst als Löwenjäger erschienen mit der Legende
Virtus Augusti33.

Diese Tatsache lenkt den Blick darauf, daß eine Figur der mythologischen Jagd-
sarkophage auf die scheinbar realistischen Löwenjagdsarkophage übernommen
wurde, die schon den mythologischen Hippolytos-Sarkophagen eine besondere
Note gegeben hatte, da sie zwar eine allegorische Personifikation ist, aber nicht
ursprünglich zum Hippolytosmythos gehört. Gemeint ist die amazonenhafte, mit
Helm, Schild, Stiefeln, Schwert und Lanze gewappnete weibliche Figur, die den
Jäger zu Pferd im Laufschritt begleitet. Während es auf den Meleager-Sarkopha-
gen34 Atalante und auf den Adonis-Sarkophagen35 Venus ist, die dem Jäger bei-

30 RE XIII1 (1926) 981 s. v. Löwe (Steier).

31 HA Hadrianus 26,3. - W. Hoffa, Die Löwenjagd des Kaisers Hadrian, RM 27, 1912, 97-100. - HA
Commodus 9,6. - HA Caracalla 5,5; 5,9.

32 A. Vaccaro Melucco, Sarcofagi romani di caccia al leone, Stud Mise 11 (1966) 41ff.

33 F. Gnecchi, I medaglioni romani II (1912) 58 Nr. 62; 68 Nr. 152 Taf. 88,5; 70 Nr. 164. 165 Taf. 89,1;
III (1912) 20 Nr. 95 Taf. 146; 20 Nr. 96 Taf. 146, 4; 36 Nr. 189 Taf. 151, 4.

34 G. Koch, ASR XII6. - Koch-Sichtermann, HdArch 161ff.

35 C. Robert, ASRIII1, 3-21. - Koch-Sichtermann, HdArch 131 ff.
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