Andreae, Bernard  
Die Symbolik der Löwenjagd: [d. Vortrag wurde am 23. Mai 1984 in Düsseldorf gehalten] — Opladen, 1985

Seite: 18
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1985/0020
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
18

Bernard Andreae

und Chapel Hill (Taf. 3.6-7). Bei den Fragmenten des Meleager-Sarkophages
Frankfurt-Kassel hatte eine nach drei Gesichtspunkten, nämlich einer Bestim-
mung der Spurenelemente, des Korngefüges und der Probenorientierung durchge-
führte aufwendige geologische Untersuchung mit 99,994% Wahrscheinlichkeit zu
dem Ergebnis geführt, daß die Fragmente aus dem gleichen Marmorvorkommen
stammen. Dies und die exakte Einpassung des Fragmentes in den Kompositionszu-
sammenhang waren jedoch nicht als absolut stichhaltig angesehen worden. Wenn
ich persönlich auch nach wie vor von der Zusammengehörigkeit der in Frankfurt
zusammengefügten Fragmente überzeugt bin und den Gegenvorschlag von K. Fitt-
schen59 für verfehlt halte, weil er eine integrierende Figur der Darstellung, nämlich
Diana, fortlassen muß, so möchte ich doch nicht noch einmal zu einer so frucht-
losen Diskussion Anlaß geben und beschränke mich deshalb darauf herauszuarbei-
ten, was die Betrachtung des Mailänder Fragmentes über die Rekonstruktion des
Münchener Sarkophages lehren kann, und zwar unabhängig von der Frage, ob es
zu diesem oder zu einem ähnlichen Sarkophag gehörte, eine Frage, die jeder
Betrachter für sich persönlich beantworten kann, da mir bei der langen Beschäfti-
gung mit den Fragmenten jedenfalls kein Argument begegnet ist, das ihre Zusam-
mengehörigkeit ausschlösse oder es nahelegen würde, die Fragmente voneinander
zu trennen.

Bevor das Mailänder Fragment (Taf. 4) bekannt wurde, hat D. Ohly einen
Rekonstruktionsvorschlag (Textabbildung 1) gemacht60, der m. E. von der Über-
bewertung einer bestimmten Tatsache ausging: Gemeint ist, daß in der rechten
unteren Ecke nicht wie bei den meisten anderen monumentalen Löwenjagdsarko-
phagen die hintere Föwenpranke zu sehen ist. Dies ist auch bei dem bekannten
Föwenjagdsarkophag Mattei II (Taf. 23)61 und bei einem weniger bekannten, stark
korrodierten Sarkophag in der Villa Medici in Rom (Taf. 25)62 der Fall, wo der
Föwe mit zurückgeworfenem Kopf vor dem heransprengenden Jagdherrn flieht.
Bei diesem Typus ist in der Tat eine Löwentatze in der rechten unteren Ecke am
Bildrand nicht zu erwarten. Ich habe mich deshalb, was die Bewegungsrichtung des
Löwen angeht, zunächst der Meinung von D. Ohly63 angeschlossen. Nachdem ich
aber das Fragment von Chapel Hill im Gipsabguß64 * auch von der Rückseite studie-
ren konnte, mußte ich mich davon überzeugen, daß diese Hypothese nicht zu hal-
ten ist. An der Rückseite des frei herausgearbeiteten Pferdehufes ist ein 2 cm langer

59 a. 0.9 Abb. 5.

60 o. Anm. 52.

61 ASRI2, 44ff. Kat. 128, Taf. 13, 1; 14,3-19; 16,1-5, Beilage B.

62 ASRI2, 56 ff. Kat. 192, Taf. 22,3; 23,3.

63 ASRI2, 63.

64 Der Abguß wurde von Dr. H. Schroeteler im Auftrag des Corpus der Antiken Sarkophagreliefs ange-

fertigt. Für die Vermittlung habe ich G. Koeppel und für die Erlaubnis IH. Schoemaker zu danken.
loading ...