Andreae, Bernard  
Die Symbolik der Löwenjagd: [d. Vortrag wurde am 23. Mai 1984 in Düsseldorf gehalten] — Opladen, 1985

Seite: 29
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Die Symbolik der Löwenjagd

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Noch evidenter wird die Abhängigkeit der Sarkophage von dem Staatsrelief,
wenn man die Gewandung der Virtus ins Auge faßt. Während die von Dianatypen
abgeleitete bewegte Virtus der früheren Sarkophage den üblichen hellenistischen
Chiton mit einfachem, frei herabhängendem Überschlag trägt, der in der Taille
gegürtet ist104, hat die Virtus der Sarkophage Mattei II (Taf. 23)105 und Reims
(Taf. II)106 den bis zum Ansatz der Knie reichenden Chiton ohne Überschlag, ein-
mal hoch unter den Brüsten gegürtet und ein zweites Mal tief, und hat hier das
Gewand über den Gürtel gezogen, so daß es einen bis zur Höhe der Trochanter-
grube herabfallenden Bausch bildet107. Diese Art der Gewandung ist auch für die
Darstellung der Göttin Roma auf römischen Staatsdenkmälern108 gewählt, was
kaum ein Zufall sein kann. Die wenigen Falten vom Gewand der Virtus, die am lin-
ken Rand des Fragmentes C in München (Taf. 2) erhalten sind, lassen nun erken-
nen, daß auch diese Virtus im gleichen Gewand dargestellt war.

Es gibt noch weitere Anhaltspunkte: Besonders das Sarkophagrelief Mattei II
(Taf. 23) zeigt in seiner Gesamtwirkung deutliche Anklänge an den trajanischen
Fries vom Konstantinsbogen, und zwar vor allem in der Art, wie die bewegte
Löwenjagdszene unmittelbar an die ruhig stehenden Gestalten des Grabinhabers
und der Virtus rechts angeschlossen sind. In der gleichen Weise wie dort bricht ein
Reiter hinter den Figuren hervor, wobei diese das Hinterteil seines Pferdes völlig
verdecken. Bei den älteren Löwenjagdsarkophagen, z. B. denen in Barcelona
(Taf. 17)109 und Paris (Taf. 19)110 111, war das Pferd ganz zu sehen. Weiter erinnert der
Daker (Taf. 22), der rechts von der Virtus-Gruppe mit schräg gehaltenem Oberkör-
per vor dem heransprengenden Römer zurückweicht, in verblüffender Weise an
den Jagdbegleiter am rechten Rand auf dem Sarkophag Mattei II (Taf. 23), und
schließlich kann man bei der Betrachtung des trajanischen Frieses auch herausfin-
den, was den Schöpfer der Komposition, die beim Sarkophag Mattei II (Taf. 23)
Verwendung fand, zu dem eigenartigen Typus des mit zurückgeworfenem Kopf
fliehenden Mähnenlöwen angeregt haben könnte: Einige Meter rechts von der
Üzrfas-Gruppe war auf dem noch nicht in Abschnitte zerlegten Relief (Taf. 24)nl

104 M. Bieber, Ancient Copies (1977) 71 ff. Abb. 246-248. - Vgl. M. Pfänner, Der Titusbogen (1983) 64
mit Anm. 88. - ASRI2 Taf. 12,1.2.

105 ASRI2, Taf. 13,1.

106 ASRI2, Taf. 13,2.

107 Diese Gewanddrapierung ist im Artemistypus Kopenhagen - Ostia (Helbig, Führer IV4 (1972)
Nr. 3027 (v. Steuben). - M. Bieber, Ancient Copies (1972) 72, Abb. 255-260) vorgebildet.

108 Es genügt, hier auf die zuletzt von R. Mellor, The Goddess Roma, ANRWII 17.2 (1981) 113ff.
Taf. 2-5 zusammengestellten Monumente zu verweisen. Vgl. auch M. Bieber, Ancient Copies (1977)
Taf. 45 Fig. 264-267.

109 ASRI2, Kat. 8, Taf. 1,2; 3,1.

110 ASRI2, Kat. 65, Taf. 1,3; 4,2.

111 B. Andreae, Römische Kunst (1973, 19784) Abb. 423.
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