Andreae, Bernard  
Die Symbolik der Löwenjagd: [d. Vortrag wurde am 23. Mai 1984 in Düsseldorf gehalten] — Opladen, 1985

Seite: 32
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1985/0034
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
32

Bernard Andreae

Als zweites kommt nämlich die Frage hinzu, was denn eigentlich die weibliche
Personifikation auf dem trajanischen Relief am Konstantinsbogen bedeutet und ob
eine Bedeutungsübernahme für die Sarkophage überhaupt einen besonderen Sinn
ergibt. In dieser amazonenhaften Gestalt treten auf römischen Staatsdenkmälern
sowohl Roma als Virtus auf, und „wenn sie ohne Beschriftung und im Amazonen-
typus erscheinen, sind sie voneinander nicht zu unterscheiden“117. So ist bisher
auch noch nicht eindeutig geklärt, ob es sich bei der Personifikation auf dem
Schlachtenfries vom Trajansforum (Taf. 22) um Roma oder Virtus handelt. Ein so
guter Kenner der Göttin Roma wie R. Mellor118 plädiert für Roma, während die
Figur meistens als Virtus bezeichnet wird119.

Nun hat M. Pfänner120 eine klare und überzeugende Definition der Göttin Roma
und damit ein Mittel zur Differenzierung gegeben: „Roma ist eine selbständige
Göttin, die dem Kaiser als gleichberechtigte Partnerin gegenübertritt. Virtus ist
immer die Virtus Augusti, die zusammen mit anderen Eigenschaften den Kaiser
begleitet und eine Tugend von ihm ausdrückt.“ Folgerichtig benennt M. Pfänner
die gespannführende Amazonengestalt auf dem Durchgangsrelief des Titusbogens
oder die ähnliche Gestalt, die Domitian auf dem Cancelleriarelief A tatkräftig
unterstützt, Virtus. Wenn er nun die Amazonengestalt am großen Schlachtfries
ebenfalls Virtus nennt, so scheint mir darin eine Inkonsequenz zu liegen, welche
die ganze Problematik offenbart. Die amazonenhafte Gestalt begleitet den Kaiser
nicht, sondern sie empfängt ihn ebenso wie der hinter ihr stehende, mit Panzer und
Fellstiefeln bekleidete Genius Populi Romani, der hier als Lictor fungiert. Die
amazonenhafte Gestalt müßte dann, auch nach der prägnanten Definition von
M. Pfänner, Roma sein. Allerding hatte schon K. Fittschen121 festgestellt: „Es kann
nicht völlig ausgeschlossen werden, daß die beiden Gestalten vor Trajan (sc. auf
dem großen Schlachtenrelief) sowohl als Roma-Genius Populi Romani als auch als
Virtus-Honos gedeutet werden können.“ Hier scheint in der Tat die Lösung des
Rätsels zu liegen, nämlich, daß es auf der einen Seite eindeutig und ausschließlich
als Roma oder Virtus zu deutende Personifikationen gibt, z.B. die thronende oder
die langgewandete Roma, beziehungsweise die eilende Virtus der Hippolytos-
Sarkophage, daß aber daneben in der ruhig stehenden, amazonenhaften Virtus
domitianischer Zeit ein Typus gefunden wurde, in den auf synkretistische Weise
Züge der Göttin Roma eingeflossen sind. Roma und Virtus verschmelzen mitein-
ander, und es erhebt sich nur die Frage, ob damit ein bestimmter zusätzlicher Sinn
gemeint ist.

117 M. Pfänner, Der Titusbogen (1983) 67f.

118 R. Mellor, The Goddess Roma, ANRW 17,2 (1981) 950-1030, besonders 1014 Taf. III.

119 G. Koeppel, BJb 169, 1969, 160.

120 a.O.67.

121 AA 1972, 756.776.
loading ...