Andreae, Bernard  
Die Symbolik der Löwenjagd: [d. Vortrag wurde am 23. Mai 1984 in Düsseldorf gehalten] — Opladen, 1985

Seite: 34
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Bernard Andreae

Berücksichtigung der Dezennalienbasis von 3 04128 und der Konsolenreliefs der
Maxentius-Basilica von 307-312129 zu früh ist, und daß eine Datierung des Sarko-
phags zu Beginn des 2. Jahrzehnts am meisten Wahrscheinlichkeit für sich hat. Das
würde bedeuten, daß, soweit wir wissen, nach dem Konstantinsbogen kein ein-
ziger zweiszeniger Löwenjagdsarkophag mehr entstanden ist und daß nach diesem
Fixpunkt der Chronologie überhaupt nur noch drei Jagdsarkophage mit einem
Löwen begegnen, nämlich die um 315-320 n. Chr. zu datierenden Sarkophage in
Gerona130, Beziers131 und Neapel132.

Ein Archäologe kann nichts anderes tun, als die Geschichtsforschung auf dieses
Faktum hinzuweisen und die Frage aufzuwerfen, ob zwischen der vom Bewußt-
sein der Würde des Kaisertums durchdrungenen Epoche Konstantins I. und dem
Obsoletwerden der Löwenjagdsarkophage, welche die kaiserliche Ikonologie
übernommen hatten, ein Zusammenhang besteht. In der Frühzeit des Prinzipates
war es ein Zeichen der Loyalität, wenn die Untertanen den Kaiser nachahmten und
die Bildersprache übernahmen, die ihn verherrlichte. Seit dem 3. Jahrhundert
n. Chr. konnte die Aneignung der kaiserlichen Symbolik aber möglicherweise als
Usurpation verstanden werden, und vielleicht war es die hiermit verbundene Pro-
blematik, welche die schrittweise Zurückdrängung der im Sarkophag Mattei II
(Taf. 23) erfolgten Übernahme der kaiserlichen Gruppe erklären kann.

Die Überwindung der Krise des Kaisertums im 3. Jahrhundert133 erfolgt in drei
Stufen:

Kaiser Aurelian (270-275) läßt sich als Dominus et Deus anreden.

Kaiser Diokletian (284-305) verfestigt diese Tendenzen zum Dominat.

Kaiser Konstantin I. (306-337) ersetzt den Dominat durch das Gotteskaisertum.

Es ist nun bemerkenswert, daß diesen Stufen drei Fassungen des Themas der
Löwenjagdsarkophage entsprechen.

1. Im 8. Jahrzehnt erscheint der Grabherr auf dem Münchener Löwenjagd-
sarkophag (Taf. 1-9) nicht mehr im Panzer.

2. In der Zeit Diokletians wird das Zitat des kaiserlichen Denkmals unterdrückt
und wieder der zweiszenige Typus der Löwenjagdsarkophage mit der den Jagd-
herrn im Laufschritt begleitenden Virtus bevorzugt (Taf. 31.3)

128 H. Kaehler, Das Fünfsäulendenkmal für die Tetrachen auf dem Forum Romanum, Monumenta
Artis Romanae 3 (1964).

129 H. P. L’Orange - A. v. Gerkan, Der spätantike Bildschmuck des Konstantinsbogens (1939) 219 f. -
H. Kähler, Jdl 51, 1936, 187.

120 ASRI2, Kat. 32, Taf. 55,2.

131 ASRI2, Kat. 19, Taf. 55,3.

132 ASRI2, Kat. 57, Taf. 93,5.

133 K. Christ, Römische Geschichte, Einführung, Quellenkunde, Bibliographie (1980) 232-246, V. Die
Reichskrise des 3. Jhs. n. Chr.
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