Andreae, Bernard  
Plinius und der Laokoon — Mainz am Rhein, 1987

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BERNARD ANDREAE

wertet und 20 000 Einzelergebnisse mitgeteilt. Das
verlangte eine übersichtliche Disposition nach
Sachgebieten. Ausgehend von einer allgemeinen
Erdkunde (1) bietet Plinius zunächst eine Erd-
beschreibung (2) von Europa, Afrika und Asien. Es
folgt eine Darstellung des Wissens über den Men-
schen (3), die Tiere (4), die Pflanzen (5), die Heil-
mittel (6) aus dem Pflanzen- und Tierreich und
schließlich über die Mineralien (7), zu denen auch
die Metalle, die Farben und die Marmorsorten ge-
hören. Diese geben Anlaß, auch über das zu schrei-
ben, was man aus Farben, Bronze und Edelmetal-
len sowie kostbaren Steinsorten herstellen kann,
nämlich Kunstwerke. Man darf bei der Beurteilung
der Sätze über die Laokoon-Gruppe nicht außer
acht lassen, daß für Plinius das Material der Kunst-
werke das Gliederungsprinzip ist, unter dem er sie
abhandelt.

Die kurzen Sätze, in denen Plinius über die
Laokoon-Gruppe schreibt, klingen auf den ersten
Blick unmißverständlich, und man wird davon aus-
gehen dürfen, daß Plinius sie trotz ihrer gedrängten
Kürze für unmißverständlich hielt. Versucht man
den Absatz über den Laokoon mit der 15068 auf
dem Colle Oppio gefundenen Skulpturen-Gruppe
(Frontispiz) zur Deckung zu bringen, so fallen
jedoch unauflösliche Widersprüche auf, besonders
wenn man das überschwengliche Lob hinnimmt,
daß der Laokoon allen Werken der Malerei und
Plastik vorzuziehen sei. Diese Aussage ist im
Grunde so erstaunlich, daß sie, je ernster man sie
nimmt, desto mehr Befremden erregen müßte, und
das nicht zuletzt deshalb, weil sie trotz ihrer Ge-
wichtigkeit beinahe nebensächlich vorgebracht
wird. Jedenfalls liegt die Emphase der Sprachmelo-
die in den Sätzen des Plinius auf einer ganz anderen
Aussage.

Wie das gemeint ist, wird vielleicht deutlicher,
wenn man einmal von der Wort- und Satzfügung
des Plinius absieht, welche die an- und abschwel-
lende Sprachmelodie des Absatzes über den
Laokoon bewirken, und wenn man statt dessen die
neun einzelnen Aussagen und die zweiundzwanzig
lexikalischen Einzelinformationen des Abschnittes
NH 36,37-38,4 (hier jeweils in Klammer nume-
riert) kunstlos aneinanderreiht und dabei das offen-
bar nicht einfach zu verstehende Lob des Plinius,
wo es auch nur den geringsten Anlaß zum Zweifel
gibt, zunächst in den lateinischen Termini stehen
läßt. Nur zwei Ausdrücke im Text sind, wie sich
zeigen wird, nicht eindeutig definiert, nämlich opus
und statuaria ars.

1. Am Ende der Liste griechischer Marmorkünst-
ler bleiben noch einige zu erwähnen, die deshalb
nicht so berühmt sind, weil sie in Gemeinschaft
(1) gearbeitet haben.

2. Als Musterbeispiel dienen die drei Spitzenkünst-
ler (2) Athanadoros (3), Hagesandros (4), Poly-
doros (5) aus Rhodos (6), die den Laokoon (7)
geschaffen haben.

3. Der Laokoon steht im Palast des Titus (8), das
heißt dem von Nero ererbten Goldenen Haus
auf dem Esquilin, genauer auf dem Oppius ge-
nannten Ausläufer der Esquiliae.

4. Als opus ist er allen in Malerei und statuaria ars
vorzuziehen (9).

5. Die wegen der Schlangenwindungen bewun-
dernswert (10) stark durchbrochene Arbeit ist
aus einem Stein, oder zumindest aus einer Stein-
sorte (Marmor [11]) gemacht.

6. Als Auftraggeber fungiert ein Consilium (12).

7. Weitere Beispiele für die zu Anfang aufgestellte
Behauptung sind die Künstlerteams Krateros
(13) und Pythodoros (14), Polydeukes (15) und
Hermolaos (16), ein anderer Pythodoros (17)
und Artemon (18).

8. Sie füllten die Kaiserpaläste auf dem Palatin (19)
mit trefflichen (20 [also hinter dem vorzüg-
lichen Laokoon zurückstehenden]) Statuen.

9. Hier arbeitete auch ein Künstler für sich allein,
nämlich Aphrodisios (21) von Tralleis (22).

Fragt man, wieviel von den 20000 Einzelinfor-
mationen, die Plinius nach seinem eigenen Zeugnis
verarbeitet hat, die drei Sätze dieses Abschnittes
enthalten, so stellt man fest, daß es erstaunlich viele
sind. In der Tat sind ein Kunstwerk (7), zehn
Künstlernamen (3. 4. 5. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 21),
zwei topographische Angaben (8. 19.), zwei Her-
kunftsorte von Künstlern (6. 22.) und eine Korpo-
ration (12) erwähnt. Zusammen sind das sechzehn
Lemmata. Bedenkt man, daß Plinius noch die Be-
gründung für den mangelnden Ruhm von Bild-
hauern ausführt, die in Gemeinschaft arbeiten (1),
weiter ein Qualitätsurteil über die rhodischen
Künstler (2) sowie über die Laokoon-Gruppe als
ganze (9) und über die durchbrochene Arbeit der
Schlangenwindungen und der Menschenkörper im
besonderen abgibt (10), eine Mitteilung über das
Material macht, aus dem die Gruppe besteht (11),
und ein vergleichendes Kunsturteil über Künstler
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