Andreae, Bernard  
Plinius und der Laokoon — Mainz am Rhein, 1987

Seite: 5
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PLINIUS UND DER LAOKOON

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äußert, die als Zeitgenossen der Rhodier in Rom
gearbeitet haben (20), dann findet man in den drei
Sätzen nicht weniger als 22 Einzelinformationen
oder, nach der Rechnung des Plinius, mehr als ein
Promille aller Informationen des ganzen Werkes
verarbeitet.

Da Plinius in den knappen Sätzen, in denen er
vom Laokoon spricht, so viele Informationen
gleichzeitig geben will, erhebt sich die Frage, ob
der Satz nicht überfrachtet ist. So hätte Plinius
zum Beispiel, wenn der letzte Satz vollkommen
durchsichtig und in sich logisch bleiben sollte, am
Ende nicht den für sich allein arbeitenden Aphro-
disius von Tralleis anfügen dürfen. Die übrigen ge-
nannten Künstler verbindet die Tatsache, daß sie
sowohl in Gemeinschaft gearbeitet als auch, daß sie
die Kaiserpaläste geschmückt haben. Für Aphrodi-
sius von Tralleis trifft aber nur die letztgenannte
Tatsache zu.

Man kann an dieser Stelle etwas von der Arbeits-
technik des Plinius erkennen. Um die Informatio-
nen nicht stichwortartig aneinanderreihen zu müs-
sen und um den Text gleichwohl nicht aufzublä-
hen, sondern möglichst knapp zu halten, versucht
er die Fakten assoziativ miteinander zu verbinden
und die entscheidenden Aussagen durch die Stel-
lung im Satzgefüge und durch die Sprachmelodie
hervorzuheben.

Er fängt damit an, daß Künstler, die in Gemein-
schaft arbeiten, nicht den vollen Ruhm in Anspruch
nehmen können.

Ein Beispiel dafür ist die Laokoon-Gruppe der drei
Rhodier, die im Kaiserpalast auf dem Oppius steht.

Vergleichbar sind die Künstlerteams, die die
Kaiserpaläste auf dem Palatin geschmückt haben.

Für diese Paläste arbeitete auch der Einzelkünst-
ler Aphrodisius von Tralleis.

Es folgen sodann gleichzeitige Künstler, die die
Bauten in der Stadt schmückten.

Wenn man über die von Plinius gefundene Form
und den Rhythmus seiner Satzfolge nachdenkt,
muß man, je gründlicher man dies tut, desto mehr
seine Ausdrucksweise bewundern. Jeder der drei
Sätze hat sein eigenes Gesicht. Im ersten Satz wird
mit einem den Leser über den baldigen Abschluß
beruhigenden Ubergang begründet, warum der
Laokoon im Tituspalast nicht berühmt ist, obwohl
er so vorzüglich ist. Im zweiten Satz wird die Vor-
züglichkeit erläutert, nämlich daß die rhodischen
Spitzenkünstler die bewunderswert durchbrochene

Arbeit aus Marmor geschaffen haben. Im dritten
werden vergleichbar arbeitende Künstler derselben
Zeit angeführt und zu anderen nicht in Gemein-
schaft arbeitenden Künstlern dieser Zeit übergelei-
tet.

Betont wird in dieser Gedankenfolge im Grunde
ein einziger Begriff, nämlich ex uno lapide. Dieses
ex uno lapide wirkt wie die Antwort auf die Frage,
die sich dem Leser bei der Lektüre der assoziativ ge-
reihten Aussagen unmittelbar stellt, nämlich wieso
der offensichtlich nicht besonders berühmte Lao-
koon als opus allen in Malerei und statuaria ars vor-
zuziehen sei. Versteht man den Satz, wie er bis
heute im allgemeinen verstanden wird, nämlich so,
als ob Plinius sagen wollte, der Laokoon sei allen
Werken der Malerei und der Skulptur vorzuzie-
hen, dann ist die Emphase, mit der auf das ex uno
lapide hingewiesen wird, überflüssig und irrefüh-
rend. Kurz vorher (NH 36,34) hatte Plinius er-
wähnt, daß in der Dirke-Gruppe von Rhodos9 die
Figuren von Zethos, Amphion und Dirke sowie
der Stier und das Seil, mit dem die Königin an den
Stier gefesselt wurde, ex eodem lapide gemeißelt
seien, hatte hier aber die Emphase auf die Mittei-
lung gelegt, daß es Arbeiten des Apollonius und
Tauriscus sind, die „eine Auseinandersetzung über
ihre Erzeuger dadurch herbeiführten, daß sie ver-
lauten ließen, dem Anschein nach sei Menekrates,
in Wahrheit jedoch Artemidoros ihr Vater"10. Die
Tatsache, daß die Dirke-Gruppe ex eodem lapide ge-
meißelt ist, bedeutet also nicht die Hauptursache
ihres Ruhmes wie beim Laokoon, sondern ist nur
eine bemerkenswerte Präzisierung.

Wenig später (NH 36,36) erscheint die Tatsache,
daß ein Werk ex uno lapide besteht, Plinius wieder-
um bemerkenswert. Es handelt sich um die Arbeit
eines gewissen Lysias11, ein Viergespann mit dem
Wagen und dem Zwillingspaar Apollo und Diana
ex uno lapide. Wie hoch das Werk geschätzt wurde,
geht daraus hervor, daß der Divus Augustus es zu
Ehren seines Vaters auf dem Palatin „oberhalb des
Bogens" in einer Säulenädikula aufstellen ließ.
Auch hier ist die Begründung der Wertschätzung
nicht vor allem die Tatsache, daß die vielgestaltige
Gruppe aus einem Stein gehauen war, obwohl
durch die Stellung am Ende des Satzes nachdrück-
lich darauf hingewiesen wird.

Der Unterschied zwischen der Dirke-Gruppe
und dem Viergespann auf der einen und dem Lao-
koon auf der anderen Seite ist derjenige, daß nur
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