Andreae, Bernard  
Plinius und der Laokoon — Mainz am Rhein, 1987

Seite: 10
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1987/0022
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
10

BERNARD ANDREAE

mähliche Abwertung des Werkes ein, das schließ-
lich zu jenen ambivalenten Kunstwerken gerechnet
wurde, die „wir mit halb staunendem, halb fragen-
dem Blick betrachten"46. Das Vorverständnis des
Plinius-Textes aber schien nun so gefestigt zu sein,
daß man nicht den Sinn der Aussage des Plinius in
Frage stellte, sondern nur seinen Geschmack.

Das ist allerdings besonders ungerecht, weil Pli-
nius seinen Geschmack an anderer Stelle eindeutig
erklärt hatte. Schreibt er doch47, daß die Kunst zu
Beginn der hellenistischen Epoche aufhörte zu exi-
stieren und erst in der klassizistischen Spätphase
der griechischen Kunst wieder auflebte. Auch sonst
hat Plinius nie einen Hehl daraus gemacht, ein
reiner Klassizist zu sein. Das überschwengliche
Lob, das „der sonst so nüchterne Autor"48 der
Laokoon-Gruppe allem Anschein nach zollte, ist
also eigentlich unverständlich. Sollte er wirklich
die Laokoon-Gruppe über den Zeus des Phidias
und den Doryphoros des Polyklet oder auch nur
über die ebenfalls im Palast des Titus aufbewahrten
Astragalizontes des Polyklet gesetzt haben, über
die er als allgemeine Meinung berichtet (NH
34.56): hoc opere nullum absolutius plerique iudicant
— „Viele halten nichts für vollendeter als dieses
Werk" — ? Das vermeintliche Urteil des Plinius
über die Laokoon-Gruppe ist demgegenüber zu-
mindest merkwürdig, so daß man sich schließlich
zu der Auskunft durchgerungen hatte, es könne
eigentlich nur eine höfische Schmeichelei sein49.
Doch auch in diesem Fall ist ein Widerspruch un-
verkennbar. Warum referiert er bei dem anderen
Kunstwerk im Palast des Titus, nämlich den eben
erwähnten Astragalizontes des klassischen Künst-
lers Polyklet, der seinem Kunstgeschmack zweifel-
los näher stand als ein hellenistisches Werk, nur
eine weitverbreitete Meinung, während er im Fall
des Laokoon eine doch offenbar viel zu dick aufge-
tragene Schmeichelei anbringt? Und wenn diese
Schmeichelei so dick aufgetragen werden mußte,
warum wird sie mit einer so eigenartigen Distink-
tion vorgetragen, nämlich daß die Plastik Laokoon
nicht nur allen Werken der Malerei, sondern auch
allen der Plastik vorzuziehen sei? Er hätte doch
gleich schreiben können, wenn er das sagen wollte,
die Laokoon-Gruppe sei allen anderen Kunstwer-
ken vorzuziehen. Die Unlogik des im neuzeit-
lichen Sinn verstandenen Satzes ist nicht zu ver-
kennen.

Besonders merkwürdig ist, daß diese Unlogik
auch denjenigen50 nicht zum Bewußtsein kam, die

bemerkten, daß bei Plinius und in der übrigen
lateinischen Literatur51 der Ausdruck statuaria ars
nicht Skulptur schlechthin, sondern die Technik
des Bronzegusses bedeutet, nämlich die Technik,
Skulpturen herzustellen, die ohne Stütze frei ste-
hen können, das heißt Bronze-Skulpturen. Die
fraglichen Stellen sind rasch zu überprüfen: Bei Pli-
nius begegnet statuarius substantivisch und adjekti-
visch außer im Buch 36,37 nicht weniger als zehn-
mal und bezieht sich in jedem Fall unmißverständ-
lich auf den Bronzeguß. Meistens wird es eindeutig
gegen Bildhauerei und auch gegen die Malerei abge-
setzt. Außer im Inhaltsverzeichnis in Buch I zu
34,33, findet man statuarius nur in den Kapiteln
zur Kunst in den Büchern NH 34-36.

NH 34,33: Die Bronzegießerei — statuaria ars —
war in Italien seit alters heimisch.
(Vgl. die Inhaltsangabe in Buch 1 zu
34,16 — Fuisse antiquitus et in Italia
statuarios —.)

NH 34,35: Das von den Griechen als plasticen
bezeichnete Modellieren in Gips ist
älter als der Bronzeguß — statuaria —.

NH 34,65: Lysipp trug viel zur Bronzetechnik

— statuariae arti — bei.

NH 34,97: Die Temperatur beim Bronzeguß

— statuaria —.

NH 35,54: Viele Maler — pictores — wurden spä-
ter als Bronzebildner — statuarios —
und Bildhauer — toreutas — bekannt.

NH 35,146: Der Bronzegießer Pyromachos wird
statuarius genannt.

NH 35,156: Pasiteles bezeichnet das Anfertigen
von Gipsmodellen — plasticen — als
die Mutter der Ziselierkunst — caelatu-
rae —, der Bildgießerei — statuariae —
und der Bildhauerei — scalpturae —.

NH 36,15: Die Marmorkunst ist älter als die
Malerei — pictura — und der Bronze-
guß — statuaria —.

NH 36,20: Praxiteles, der schon unter den
Bronzegießern — inter statuarios —
erwähnt wurde, übertrifft sich selbst
in der Bearbeitung des Marmors

— marmoris —.

NH 36,42: Canachus, der als Bronzegießer — in-
ter statuarios — berühmt ist, hat auch
loading ...