Andreae, Bernard  
Plinius und der Laokoon — Mainz am Rhein, 1987

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PLINIUS UND DER LAOKOON

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Marmorskulpturen gearbeitet — mar-
morea —.

Es kann demnach keine Frage sein, daß die An-
gabe der meisten Lexika, statuaria ars bedeute Bild-
gießerkunst, zu Recht besteht. Dementsprechend
liest man schon in einer der ältesten deutschen
Übertragungen von Christian Friedrich Leberecht
Strack aus dem Jahre 1855, der Laokoon sei „ein
Werk, das allen Gemälden und gegossenen Bildern
vorzuziehen ist".

Desgleichen stellt auch die erste kommentierte
Ausgabe der Kapitel des Plinius über die antike
Kunst von E. Seilers fest: „Statuaria ars is, according
to Latin usage, reserved for bronze statuary (zu Pli-
nius NH 34,54)52. Er übersetzt dementsprechend:
„a work superior to all the pictures and bronzes of
the world", während die neue französische Aus-
gabe im gleichen Sinne wie die neueren deutschen
Autoren übersetzt: „doit etre mis au-dessus de tout
ce qu'ont produit la peinture et la sculpture"53.
Dem Wortlaut nach richtig hatte Silvio Ferri 54
übersetzt: Opera superiore a ogni altra, tanto di
pittura che bronzea", und er erklärte dazu im
Kommentar: „Evidentemente Plinio vuol dire sol-
tanto che il Laocoonte e una ,sculptura', in marmo
quindi, superiore ad ogni altra opera d'arte, sia essa
,pictura' o ,statuaria', dove il termine statuaria si
riferisce alle opere in bronzo". Silvio Ferri war also
ganz nahe an der Interpretation des Satzes, wie er
sich uns nach den Entdeckungen der letzten
30 Jahre darbietet, aber da er nicht konzipieren
konnte, daß der Laokoon nicht ein Original, son-
dern nur eine Marmorkopie sei, mußte auch ihm
der wahre Sinn der Aussage des Plinius verborgen
bleiben. Dabei hätte er eigentlich die Frage stellen
müssen, ob die Laokoon-Gruppe nach der Distink-
tion des Plinius zwar allen Werken der Malerei und
des Bronzegusses, nicht aber allen Werken aus
Marmor vorzuziehen sei.

Erst mit dem neuen Wissen über die Laokoon-
Gruppe, d. h. mit der an Sicherheit grenzenden
Wahrscheinlichkeit, daß die Laokoon-Gruppe eine
Marmorkopie nach einem hellenistischen Bronze-
orginal ist, kann man den eigentlichen, im Grunde
recht einfachen Sinn der Aussage erfassen. Plinius
sagt wörtlich: „Die Laokoon-Gruppe, die im Haus
des Titus steht und aus einem Marmorblock (ge-
meint ist die Marmormasse, zu der die sieben von
F. Magi festgestellten Steinblöcke vor der Heraus-
arbeitung der Figuren verklammert und verkittet

waren) besteht, ist ein opus, das allen opera in Male-
rei und Erzguß vorzuziehen sei". Die Frage ist
jetzt nur noch, was in diesem Fall opus genau be-
deutet und warum Plinius sich an dieser Stelle einer
suspensiven Detractio bedient, d. h. das nach Omni-
bus vorauszusetzende operibus fortläßt.

Opus entspricht natürlich in erster Linie dem
deutschen Begriff „Werk", der allerdings auch viele
Nuancen hat. Es gibt aber nicht wenige Stellen, an
denen opus nicht ohne weiteres mit „Werk" über-
setzt werden kann. Besonders im Zusammenhang
mit Kunstwerken bedeutet opus häufig nicht das
Werk selbst, sondern die Arbeit, den Stil, kurz die
Art seiner Ausführung. So verwendet z. B. Cicero
in den Reden gegen Verres, in denen es um Kunst-
werke geht, den Begriff opus nicht selten zur Be-
zeichnung des besonderen Wertes, den die Ausfüh-
rung dem Kunstwerk gegeben hat. Er spricht von
einer Hydria des Boethos praeclaro opere et grandi
pondere, also von ausgezeichneter Ausführung und
großem Gewicht (Cic. Verr. II 4,32). Einen Kan-
delaber nennt er opere mirabili perfectum, also von
wunderbarer Ausführung (Cic. Verr. II 4,64). Eine
Vase ist antiquo opere et summo artificio facta, also
von alter Ausführung und mit höchster Kunstfer-
tigkeit gestaltet (Cic. Verr. II 4,46). Cicero rügt,
daß Verres sich nicht an der Ausführung von Prä-
gungen (bullae), sondern an ihrem Gewicht er-
freute: non opere delectabatur, sedpondere (Cic. Verr.
II 4,124). Auch Galen spricht von einem anulus
opere antiquo, also einem Ring von alter Ausfüh-
rung (Gal. 10,4). Apuleius erwähnt eine magna . . .
vis aeris vario efßgiatu, veterrimo et spectabili opere,
d. h. von sehr alter und ansehnlicher Ausführung
(Apul. flor. 15, 6.). Bei Vopiscus ist in der Historia
Augusta (Aurelian. 33,3) von zwei Wagen die
Rede, von denen der eine aus Silber und Gold ge-
schaffen und mit Edelsteinen geschmückt und der
andere von gleicher Ausführung war — pari opere
fabricatus —.

Der Laokoon ist ein opus . . . ex uno lapide, was
man demnach als eine Ausführung in Marmor
übersetzen könnte, wenn dies den Sinn des Satzes
so klar werden läßt, wie Plinius es von seiner ver-
kürzten Ausdrucksweise offenbar erhofft hatte.

Damit kommt die zweite Frage ins Blickfeld,
warum Plinius sich des Stilmittels der suspensiven
Detractio55 bedient und die Wiederholung des
Wortes opus nach omnibus fortläßt. Man kann
nicht ausschließen, daß ihn die unmittelbare Ver-
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