Andreae, Bernard  
Plinius und der Laokoon — Mainz am Rhein, 1987

Seite: 13
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PLINIUS UND DER LAOKOON

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5. Eine etruskische Gemme in London, die späte-
stens in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts
v. Chr. zu datieren ist, lieferte einen Terminus
ante quem für die Schaffung der Gruppen-Kom-
position. Da die Marmorgruppe wegen des frü-
hestens seit der Mitte des 1. Jahrhunderts in
Gebrauch gekommenen lunensischen Marmors
beim rückwärtigen Altarblock erst nach dieser
Zeit aus dem Marmor gehauen sein kann, wird
die Annahme eines gemeinsamen hellenistischen
Vorbildes der etruskischen Gemme und der
Marmor-Gruppe unausweichlich.

6. Die Existenz eines hellenistischen Originals ist
also aus mehreren voneinander unabhängigen
Gründen wahrscheinlich. Dessen Aussage muß
eine ähnliche wie die der Alexandra Lyko-
phrons gewesen sein. Sie sollte den Griechen des
mittleren 2. Jahrhunderts v. Chr. die vergelten-
den Kräfte der Geschichte anschaulich machen.
Damals waren die Römer angetreten, für die
Zerstörung ihrer Mutterstadt Troja Rache zu
nehmen, und die Pergamener hatten sich als
Nachfolgestaat Trojas in Kleinasien auf die Seite
des Nachfolgestaates von Troja in Italien, näm-
lich des von Aeneas gegründeten römischen
Volkes, gestellt. Laokoon mußte nach dem Wil-
len der Götter geopfert werden, damit Aeneas
fliehen konnte. In der welthistorischen Situa-
tion des 2. Jahrhunderts v. Chr. wurde das
Schicksal des Laokoon als eine Mahnung angese-
hen, daß dieses Schicksal sich nicht an Perga-
mon wiederholen sollte.

Schritt für Schritt war die Erkenntnis über die
Laokoon-Gruppe in den letzten 30 Jahren so weit
gewachsen, daß nur die Annahme eines Bronze-
originals alle Widersprüche lösen konnte. Damit
war der Wissensstand des Plinius wieder erreicht,
und erst jetzt konnte dessen Aussage trotz ihrer
lapidaren Kürze richtig verstanden werden. Plinius
sagte, „die Ausführung des Laokoon in Marmor ist
allen übrigen in Malerei und Bronzeguß vorzuzie-
hen". Er muß die Gewißheit gehabt haben: Sapienti
sat.

Nun dürfte deutlich sein, warum der Beweisgang
kein Circulus vitiosus, sondern ein klarer Syllogis-
mus ist: Alle von der Aussage des Plinius vollkom-
men unabhängigen Indizien sprechen dafür, daß
die Laokoon-Gruppe im Vatikan eine tiberische
Marmorkopie nach einem hellenistischen Original
aus Bronze ist. Plinius setzt voraus, daß es außer

der von ihm so hochgelobten Version der
Laokoon-Gruppe in Marmor eine Fassung in
Bronze gab, die derjenigen in Marmor vorausging.
Die Fassung der Laokoon-Gruppe in Bronze, an
der diejenige in Marmor gemessen wird, muß das
vorausgesetzte hellenistische Bronzeoriginal sein.

Plinius nennt die rhodischen Bildhauer Athana-
doros, Hagesandros und Polydoros Spitzenkünst-
ler — summi artifices —, weil sie in der Lage waren,
ein Kunstwerk in Marmor zu hauen, das in Bronze
konzipiert war. Die hochentwickelte Abformungs-
technik, welche die Gipsabgüsse von Baiae61 ken-
nen lehrten, hätten einen Bronzeabguß, wie Prima-
ticcio ihn für Franz I. nach einem Gipsabguß von
Jacopo Barozzi da Vignola und seiner Werkstatt
besorgt hat62, als relativ einfach zu bewältigendes
und jedenfalls völlig unkünstlerisches Problem er-
scheinen lassen. Die Nachbildung einer kompli-
zierten Gruppenkomposition in zerbrechlichem
Marmor, die aus künstlerischen und statischen
Gründen nur für den Erzguß entworfen werden
konnte, war hingegen eine erstaunliche, in den
Augen des Plinius bedeutende künstlerische Lei-
stung, die seinen Kunstgeschmack in höherem
Maße befriedigte als die Originalausführung in
Bronze oder als andere Ausführungen des Themas
in Malerei.

Die nunmehr so einfach zu verstehende Aussage
des Plinius ist unter mehreren Gesichtspunkten be-
sonders interessant. Sie löst den Widerspruch auf,
der bei der bisher gültigen Interpretation des Satzes
vorhanden war, aber immer übersehen oder über-
gangen wurde, nämlich, daß Plinius ein Werk über
alle anderen gesetzt haben soll, das ausgerechnet in
der Zeit entstanden ist, in der nach seinem Urteil
die Kunst aufgehört hatte zu existieren. Die neue,
wie wir meinen, einzig richtige Interpretation klei-
det aber auch ein ganz allgemeines römisches Ge-
schmacks- oder, wenn man so will, Kunsturteil in
Worte, das die Grundlage für die römische Vor-
liebe für Marmorkopien der griechischen Bronze-
bildwerke darstellt. Man hat dies immer implizit
vorausgesetzt. Es nun bei einer Autorität und
einem Kenner vom Rang des Plinius explizit vor-
zufinden, bedeutet sicher eine neue Grundlage für
die Beurteilung des ganzen Kopistenwesens in der
heutigen Archäologie.

Trotzdem wird die Frage nicht verstummen, ob
Plinius den logischen und verständlichen Inhalt,
daß er die Laokoon-Gruppe aus Marmor im Titus-
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