Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 5
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1991/0007
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
1 Laokoon-Gruppe,
Rom, Vatikanische
Museen.
Römische Marmorkopie
aus der 7,eit des Kaisers
Tiberius (14-37) nach
einem hellenistischen
Bronzeoriginal (um 140
v. Chr.) aus Pergamon.

Das Problem

Die Laokoon-Gruppe im Vatikan1 (Falttafel und
Abb. 1) wird als ein epochales Hauptwerk von aus-
gereifter Vollendung bewundert. Aber ihre kunstge-
schichtliche Stellung ist trotz neuer grundlegender
Erkenntnisse über ihre historische Bedeutung noch
immer umstritten". Noch sind die Stufen nicht er-
kannt, in denen sich die Konzeption dieses Meister-
werks einer Gruppenkomposition vollendet hat.
Die Plastik stellt die Tragödie des Priesters Laokoon
vor Augen, der die Trojaner vor dem Hölzernen
Pferd warnen wollte. Nach zehnjähriger vergeb-
licher Belagerung der Stadt Troja hatte Odysseus zu
einer Kriegslist geraten. Die Griechen täuschten ih-
ren Abzug vor und ließen am Strand als vermeint-
liche Opfergabe ein riesiges, aus Holz gezimmertes
Pferd zurück, in dem sich die kühnsten Helden ver-
borgen hatten. Sie hofften, daß die Trojaner das
Pferd in die Stadt brächten. Doch Laokoon, der
nicht erkennen wollte, daß die Götter den Unter-
gang Trojas und dessen Wiedergeburt in der neu zu
gründenden Stadt Rom beschlossen hatten, stellte
sich dem Vorhaben der Trojaner in den Weg. Da
mußten die Götter ihn opfern. Athena schickt ihre
Schlangen über das Meer. Sie fesseln den Priester
und seine ministrierenden Söhne mit den Windun-
gen ihrer glatten Leiber und schlagen dem jüngeren
Sohn und dem Vater die Giftzähne ins Fleisch.
Die verblendeten Trojaner deuten das furchtbare
Schauspiel als Strafe für die Vermessenheit des Prie-
sters, der das Hölzerne Pferd mit der Lanze ver-
letzte. Als der Warner verstummt, reißen sie eine
Bresche in die Mauer, bringen das Pferd in die Stadt
und machen sich selbst zum Werkzeug des Schick-
sals. Im Rausch des Befreiungsfestes werden die
Trojaner niedergemacht, ihre Stadt wird zerstört,
nur einer, Aeneas, folgt dem Willen der Götter,
flieht mit den Seinen aus der brennenden Stadt und
begründet in Italien das römische Volk, in dem

5
loading ...