Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 16
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langte, eigentliche Aussage ist. Eine genaue Verfol-
gung des Schlangenangriffs lehrt, wie wahrheitsge-
treu und ungekünstelt der Vorgang gestaltet ist. Mit
größtmöglicher Genauigkeit wird vor Augen ge-
führt, wie die eine der Schlangen von rechts unten
kommt, die unteren Extremitäten der Figuren an-
einanderbindet und erst, nachdem keiner mehr flie-
hen kann, den linken Knaben am Ende ihres ver-
schlungenen Weges in die Leber beißt, so daß der
sofortige Tod des Knaben eintritt. Währenddessen
hat die andere Schlange, von links kommend, die
rechten oberen Extremitäten von Vater und Sohn
wie mit geschicktem Ringergriff bewegungslos ge-
macht und beißt nun den Vater in die Hüfte, so daß
er sich im Tode aufbäumt. Das alles ist mit exakter
Kenntnis der Anatomie und Bewegungsweise des
menschlichen Körpers gestaltet. Die Kunst liegt in
der souveränen Beherrschung aller Bewegungsmo-
tive, von Künstlichkeit kann nicht die Rede sein.

Vorbilder

Dabei ist gewiß, daß der Schöpfer dieser Gruppe
nicht nur die Bewegung natürlicher Modelle stu-
diert, sondern auch von früheren Künstlern erarbei-
tete Bewegungsmotive aufgenommen und verarbei-
tet hat. Der linke Knabe (Abb. 10), der erschlaffend
und schon fast leblos in den Spiralen der Schlange
hängt, erinnert an den in Kopien zu Florenz, Turin,
München (Abb. 9) und Dresden überlieferten toten
Sohn der Niobe aus einer vielfigurigen hellenisti-
schen Gruppe18. Der ältere Knabe (Abb. 13) ist in
seiner Bewegung dem davonspringenden Wein-
schlauchträger der Polyphem-Gruppe von Sper-
longa19 (Abb.11, 12) verwandt, die sich auf eine
Bronzegruppe pergamenischen Stils aus der Zeit des
Pergamonaltares zurückführen läßt, und der Vater
(Falttafel) findet sein unmittelbares Vorbild in dem

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